Ist die schlimmste Zeit f ür Gold vorbei? Wells Fargo: Risiko-Ertrags-Verhältnis hat sich umgekehrt, 500 Dollar Abwärtspotenzial gegenüber 1500 Dollar Aufwärtspotenzial
Sameer Samana, Leiter der globalen Aktien- und Sachwertstrategie bei Wells Fargo, ist der Ansicht, dass sich nach einer Korrektur von mehr als 20% seit dem historischen Höchststand im Januar die Risikostruktur von Gold verändert hat: Das Abwärtspotenzial verengt sich, während das langfristige Aufwärtspotenzial weiterhin attraktiv bleibt.
Samana erklärte im Interview mit Kitco News, dass Anleger derzeit weniger auf kurzfristige Schwankungen achten und vielmehr die langfristigen Risiko-Ertrags-Merkmale von Gold bewerten sollten. Seiner Einschätzung nach sind sowohl hohe Ölpreise als auch potenzielle weitere Zinserhöhungen der Federal Reserve größtenteils bereits im aktuellen Goldpreis eingepreist.
Er sagte: „Ich denke, seit dem Höchststand gab es eine ziemlich deutliche Umkehr des Risiko-Ertrags-Verhältnisses.“ Bezüglich der Erwartungen des Marktes zu Zinserhöhungen ergänzte er: „Wenn der Markt für Federal Funds Futures bereits zwei bis drei Zinserhöhungen eingepreist hat, gehe ich davon aus, dass auch der Goldpreis diese zwei bis drei Zinserhöhungen berücksichtigt hat.“
Aus seiner Sicht sollten Anleger nicht länger darüber diskutieren, ob Sorgen vor Zinserhöhungen bestehen, sondern vielmehr die Wahrscheinlichkeit einer intensiveren Straffung abwägen. Er sagte: „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu mehr als zwei bis drei Zinserhöhungen kommt? Die Inflation ist nicht so gravierend, dass eine deutliche Verschärfung notwendig wäre.“
Gold steht in den letzten Monaten unter Druck, was auf die erneuten Eskalationen im Nahen Osten und die dadurch gestiegenen Ölpreise zurückzuführen ist; dies verstärkt die Marktwetten darauf, dass die Federal Reserve gezwungen sein könnte, ihre Politik zu straffen. Steigende Realrenditen erhöhen ebenfalls die Opportunitätskosten für das Halten von Gold, das keine Zinsen abwirft.
Samana glaubt jedoch, dass die Marktstimmung möglicherweise übermäßig pessimistisch ist. Er sagte: „Die eigentliche Frage lautet: Ist das Risiko-Ertrags-Verhältnis für dieses Portfolio-Asset, das durch andere Anlagen schwer zu ersetzen ist, immer noch attraktiv? Ich meine ja.“
Kurzfristig weitere Rückgänge möglich, langfristiger Zyklus nicht gebrochen
Samana schließt nicht aus, dass Gold kurzfristig weiter schwächeln könnte. Technisch betrachtet sei es derzeit schwer zu bestätigen, ob der Boden erreicht wurde.
Er sagte: „Es ist schwierig zu sagen, dass Gold bereits den Tiefpunkt gesehen hat.“ Hinsichtlich kurzfristiger Risiken spezifizierte er: „Kurzfristig sehe ich das Risiko, dass der Goldpreis auf 3500 US-Dollar fallen könnte.“
Neben dem Abwärtspotenzial verwies er auch auf bestehende Widerstandsbereiche auf der Oberseite. Seiner Einschätzung nach liegt zwischen 4500 und 4900 US-Dollar ein technischer Widerstand, da Anleger, die bei höheren Preisen gekauft haben, vermutlich bei einer Erholung ihre Positionen absichern und handeln werden.
Trotz allem betont Samana, dass Anleger den langfristigen makroökonomischen Zyklus nicht aus dem Blick verlieren sollten. Er sagte: „Wenn sich der Staub gelegt hat, kehrt man zum ungefähr gleichen Szenario zurück.“ Nach seiner Logik würden steigende Ölpreise und Zinssätze das Wirtschaftswachstum verlangsamen und im Anschluss die Zentralbanken und Finanzministerien zu erneuten Unterstützungsmaßnahmen zwingen.
Weiter erklärte er, dass eine letztlich eintretende Wirtschaftsverlangsamung die politischen Entscheidungsträger wahrscheinlich zu Zinssenkungen veranlassen werde, was zusätzliche monetäre Unterstützung mit sich bringen könnte. Deshalb sieht er den langfristigen Trend für Gold als ungebrochen.
Er sagte: „Ist es denkbar, dass Gold erst auf 3500 US-Dollar sinkt und dann wieder auf 4500 US-Dollar steigt? Ja, das ist möglich.“ Gleichzeitig betont er: „Aber solange man nicht glaubt, dass der langfristige Zyklus beendet ist, ist der Anstieg des Goldpreises wirklich nur eine Frage der Zeit.“
Wells Fargo bleibt langfristig optimistisch und sieht Gold weiterhin als Portfolio-Versicherung
Samana erklärte seine Sichtweise hinsichtlich Gold auch unter dem Gesichtspunkt der Asset Allocation. Aus historischer Perspektive ist Gold in wirtschaftlichen Abschwungphasen oft vergleichsweise widerstandsfähig.
Mit Blick auf die letzten Rezessionen und Phasen straffer Geldpolitik stellt er fest, dass Gold im Vergleich zu vielen anderen Assetklassen meist mildere Rückgänge verbucht. Seinen Angaben zufolge betrug der Rückgang während der Rezession 2020 und dem Straffungszyklus der Federal Reserve 2018 etwa 15%; während der Finanzkrise 2008 fiel Gold um fast 34%. Entscheidend aber sei, dass Bärenmärkte bei Gold in der Regel über Jahre hinweg langsam verlaufen und nicht plötzlich kollabieren.
Angesichts der inzwischen fast 30%igen Korrektur vom Hoch ist Samana der Ansicht, dass viele potenzielle Verluste mittlerweile eingepreist sind. Er sagte: „Ich denke, viele Schmerzen sind bereits im Preis berücksichtigt.“
Er betonte zudem, dass Gold eine lohnende Portfolio-Beimischung bleibt, da es vor allem in Zeiten, in denen Aktien und Anleihen unter Druck stehen, Diversifikation bietet. Er sagte: „Dieses Asset funktioniert nicht in jedem Umfeld.“ Aber ergänzt: „Doch wenn Aktien und Anleihen gleichermaßen schwächeln, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Gold seinen Wert entfaltet.“
Samanas Einschätzung deckt sich zudem mit den jüngsten Forschungsergebnissen des Wells Fargo Investment Institute. Das Institut erklärt im aktuellen „Weekly Chart Report“, dass die jüngste Goldpreiskorrektur hauptsächlich auf Gewinnmitnahmen und gestiegene Markt-Erwartungen bezüglich der Straffung durch die Federal Reserve zurückzuführen sei; steigende Realrenditen haben die relative Attraktivität von Gold vorübergehend geschwächt. Das Institut erwartet jedoch, dass sich das Verhältnis stabilisiert, sofern Energie- und Lieferkettenengpässe nachlassen.
Der Bericht betont zudem, dass die strukturellen Faktoren zugunsten von Gold weiterhin fest verankert sind – darunter fortlaufende Goldkäufe durch Zentralbanken weltweit, Diversifizierungsbedarf bei Reserven und anhaltende geopolitische Unsicherheit. Basierend darauf bekräftigt Wells Fargo seine langfristige Prognose: Bis Ende 2026 soll der Goldpreis auf 5300 bis 5500 US-Dollar je Unze steigen; bis Ende 2027 voraussichtlich noch weiter auf 5800 bis 6000 US-Dollar je Unze.
Samana sieht in diesen langfristigen Zielen den Grund, warum Anleger nicht ausschließlich auf die aktuelle Korrektur fixiert sein sollten. Er sagte: „Wenn man in Richtung 18 Monate bis Ende 2027 blickt, halte ich die Wahrscheinlichkeit einer Wiedererlangung des Hochs oder sogar neuer Höchststände weiterhin für sehr realistisch.“
Er gibt abschließend eine klare Einschätzung zum aktuellen Risiko-Ertrags-Verhältnis für Gold: „Sie geben mir ein Abwärtsrisiko von 500 US-Dollar und ein Aufwärtspotenzial von etwa 1500 US-Dollar. Für einen Portfolio-Investor ist das ein sehr attraktives Risiko-Ertrags-Verhältnis.“
Aktuell zeigt der Spot-Goldpreis nach zwei Wochen fortlaufender Rückgänge Anzeichen von Unterstützung am psychologisch wichtigen Niveau von 4000 US-Dollar, ausgelöst durch Käufe bei niedrigen Preisen.
Amy Gower und weitere Analysten von Morgan Stanley schreiben in einem Bericht: „Gold tut sich schwer, eine Richtung zu finden“, Zentralbankkäufe stützen den Goldpreis, während Exchange Traded Funds (ETF) wegen Befürchtungen einer Zinserhöhung durch die Federal Reserve Gold abstoßen. Sie sehen jedoch Spielraum für ETFs, wieder in den Markt zurückzukehren, da erwartet wird, dass die Federal Reserve in diesem Jahr letztlich stillhält und nächstes Jahr die Zinsen wieder senkt.
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