In der Nacht vor dem Google-Finanzbericht zeigt sich die Deutsche Bank optimistisch: Konzentriert euch nicht nur auf die Investitionsausgaben, die wahre Überraschung könnte von Google Cloud kommen.
Die Deutsche Bank erwartet, dass das Umsatzwachstum von Google Cloud im zweiten Quartal auf 70% angehoben wird (zuvor 65%) und in der zweiten Jahreshälfte möglicherweise weiter auf 75% steigt. Die Prognose für die Investitionsausgaben wird deutlich erhöht; bis 2027 werden voraussichtlich 325 Milliarden US-Dollar erreicht (bisher 250 Milliarden), bis 2028 steigen sie auf 365–370 Milliarden US-Dollar, wobei Finanzierung und Cashflow ausreichend sind. Die Werbeeinnahmen aus der Suche stagnieren nicht, die Verzögerung von Gemini beeinträchtigt die langfristige Wettbewerbsfähigkeit nicht und der Markt sollte sich auf den Realisierungstakt der Cloud-Umsätze konzentrieren.
Am 22. Juli nach Börsenschluss wird die Muttergesellschaft von Google, Alphabet, den Finanzbericht für das zweite Quartal 2026 veröffentlichen. Aktuell konzentriert sich die Handelslogik des Marktes stark auf eine zentrale Fragestellung: Stellen die im Zeitalter der KI kontinuierlich steigenden Investitionsausgaben (Capex) eine schwere Belastung dar, die die Gewinne schmälert, oder sind sie eine vorausschauende Realisierung zukünftigen Wachstums?
Die Deutsche Bank betonte in ihrem Bericht vom 20. Juli, dass trotz der jüngsten Sorgen des Marktes über das verlangsamte Wachstum des Suchgeschäfts, die verzögerte Einführung des neuen Gemini-Modells und die weiterhin steigenden KI-Investitionen, das wirklich relevante Variable nicht die Investitionsausgaben selbst sind, sondern das potenziell deutlich über den aktuellen Erwartungen liegende Umsatzwachstum von Google Cloud. Falls die Nachfrage im Cloud-Geschäft wie erwartet freigesetzt wird, können die daraus resultierenden zusätzlichen Gewinne in den kommenden Jahren die höheren KI-Investitionen mehr als decken, so dass die Gesamtprofitabilität des Unternehmens weiterhin Spielraum nach oben hat.
Für Investoren ist der entscheidende Punkt dieses Finanzberichts nicht, ob die Investitionsausgaben weiter steigen, sondern wie das Management die Nachfrageentwicklung für Cloud-Services, Veränderungen bei den Auftragsbeständen und das Tempo der zukünftigen Einnahmeverwirklichung bewertet. Diese Signale könnten bestimmen, ob der Markt die Bewertungslogik von Alphabet im Zyklus der KI-Investitionen neu festlegt.
Google Cloud – das wirklich entscheidende Bewertungsvariable
Die optimistischsten Einschätzungen der Deutschen Bank konzentrieren sich auf Google Cloud.
Die Analysten haben die Umsatzwachstumsprognose für Google Cloud im zweiten Quartal von 65% auf 70% angehoben und erwarten, dass sich das Wachstum in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 weiter auf 75% beschleunigt.
Diese Prognose basiert auf drei Einschätzungen. Erstens bleibt die Nachfrage nach KI-Rechenleistung weiterhin größer als das Angebot, und Google hat kürzlich sogar einen Teil der Rechenressourcen von SpaceX gemietet. Zweitens lag der Auftragsbestand von Google Cloud zum Ende des ersten Quartals 2026 bereits bei 462 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 400% gegenüber dem Vorjahr. Außerdem haben einige Hyperscaler, darunter Amazon, begonnen, die Preise für einige Cloud-Services zu erhöhen.
Noch wichtiger ist, dass die Deutsche Bank der Ansicht ist, dass der Markt das zukünftige Umsatzvolumen von Google Cloud deutlich unterschätzt. Für 2027 erwartet sie einen Umsatz von 190 bis 195 Milliarden US-Dollar, während der Konsens des Marktes nur bei etwa 142 Milliarden liegt. Bei einer Gewinnmarge von 30% würde allein dieser zusätzliche Umsatz etwa 15 Milliarden US-Dollar GAAP-Betriebsgewinn bringen, was etwa 1 US-Dollar mehr Gewinn pro Aktie bedeutet.
Capex wird weiter steigen, aber auch die Finanzierungskraft nimmt zu
Im Bereich der KI-Infrastrukturinvestitionen hat die Deutsche Bank die Prognosen für Alphabets zukünftige Capex erheblich erhöht. Das Unternehmen ging bisher von Investitionsausgaben im Jahr 2026 von 180 bis 190 Milliarden US-Dollar aus und erklärte, dass die Investitionen 2027 gegenüber diesem Jahr „deutlich erhöht“ werden.
In Verbindung mit den Auftragsbeständen schätzt die Deutsche Bank, dass Google etwa 11,5 GW Rechenkapazität benötigt, um die aktuelle Nachfrage zu decken; im Basisszenario für 2027 werden zusätzlich etwa 10 GW benötigt. Bei Baukosten von 30 bis 35 Milliarden US-Dollar pro GW erwartet die Deutsche Bank für 2027 Capex von etwa 325 Milliarden US-Dollar, höher als die vorherige Prognose von 250 Milliarden; für 2028 steigen die Investitionen weiter auf 365 bis 370 Milliarden US-Dollar.
Die Analysten weisen jedoch darauf hin, dass Google durch den Einsatz einer Mischung aus TPU und Nvidia GPU beim Ausbau eine niedrigere Einheitbaukosten erzielen kann als vom Markt befürchtet.
Gleichzeitig bleibt die Finanzierungskraft des Unternehmens weiterhin hoch. Alphabet hat in diesem Quartal insgesamt etwa 65 bis 70 Milliarden US-Dollar an Finanzierung abgeschlossen, darunter eine Investition von Berkshire Hathaway von 10 Milliarden US-Dollar, zweimal Aktienfinanzierung von je etwa 36 Milliarden, eine ATM-Erhöhung von bis zu 40 Milliarden und die Emission von Mehrwährungs-Anleihen.
Zum Ende des ersten Quartals 2026 verfügte das Unternehmen über etwa 127 Milliarden US-Dollar in Cash und Investitionen sowie etwa 107 Milliarden in nicht börsennotierten Wertpapieren; die Deutsche Bank schätzt, dass der kumulierte operative Cashflow bis Ende 2027 etwa 420 Milliarden US-Dollar beträgt.
Die Deutsche Bank ist der Meinung, dass Alphabet nicht mit einem Problem „zu hoher Capex“ konfrontiert ist, sondern dass der Markt zu sehr auf die Investitionen fokussiert und dabei die Geschwindigkeit der Umsatzrealisierung bei Google Cloud unterschätzt.
Das Suchgeschäft wächst weiterhin, Werbebudgets fließen in KI
Die größte Sorge des Marktes bezüglich des Suchgeschäfts von Google ist, dass die KI Overview den traditionellen Suchtraffic verändern könnte.
Doch Untersuchungen der Deutschen Bank zeigen, dass sich das Verhalten der Werbekunden verändert. Einige Werbekunden behalten zwar ihre bisherigen Budgets für die Suche bei, aber immer mehr Marken testen Werbebudgets für KI Overview und investieren vermehrt in Google Search sowie KI-Werbung rund um ChatGPT.
Gleichzeitig zeigen Daten von SimilarWeb, dass sowohl die Besucherzahlen als auch die Seitenaufrufe der Google-Website im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem ersten Quartal gestiegen sind. Auf Basis dieser Daten bestätigt die Deutsche Bank ihre Prognose eines Umsatzwachstums von Google Search um 16,5% im zweiten Quartal (bereinigt auf feste Wechselkurse) und erwartet im dritten Quartal ein Plus von 14%.
Die Analysten sind der Ansicht, dass selbst wenn das neue Gemini-Modell etwas später startet, die aktuellen KI-Modelle bereits die Effizienz der Werbeschaltung stetig verbessern und sich die Grundlagen des Werbegeschäfts nicht substanziell verändert haben.
Gemini-Verzögerung kein Schlüsselfaktor – Nutzerwachstum hält an
Die Verzögerung des Gemini-Starts ist ein weiterer Fokus des Marktes. Google hatte auf der I/O 2026 angekündigt, dass Gemini 3.5 Pro bald erscheinen werde, aber bis jetzt ist das neue Modell noch nicht offiziell veröffentlicht.
Die Deutsche Bank sieht darin jedoch keinen Einfluss auf den Nutzerwachstumstrend. SimilarWeb-Daten zeigen, dass die Zugriffszahlen und Seitenaufrufe der Gemini-Webseite im zweiten Quartal weiterhin steigen, wenngleich das Wachstumstempo abgenommen hat. Sensor Tower-Daten zeigen, dass die Downloads der Gemini-App gegenüber dem Höhepunkt 2025 zurückgegangen sind, die Gesamtsitzungszahl aber weiterhin steigt.
Vergleichend bleibt ChatGPT führend, doch die Gesprächszahlen sind in den letzten 12 Monaten weitgehend stabil geblieben; Meta AI hat seit dem Start von Muse Spark deutlich zugelegt; Grok verzeichnet seit Jahresbeginn Rückgang bei Downloads und Gesprächen.
Deshalb meint die Deutsche Bank, dass die Anpassung des Veröffentlichungstermins von Gemini nur ein kurzfristiges Ereignis ist und die langfristige KI-Wettbewerbsfähigkeit von Alphabet nicht beeinflussen wird.
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