Die „Tragödie“ der Liquidität von Edelmetallen
Seit Anfang dieses Jahres zeigen Edelmetalle eine deutlich schwächere Entwicklung. Nach dem Durchbrechen der Jahrestlinie gibt es nun sogar Anzeichen für eine beschleunigte Abwärtsbewegung. Gemeinsam mit anderen Marktteilnehmern habe ich versucht, die zeitweiligen Schwankungen der Edelmetalle durch Faktoren wie den Goldankauf der Zentralbanken und das Zerbrechen bzw. die Rückkehr des Dollar-Kreditsystems zu erklären.
Natürlich haben diese Faktoren eine gewisse Erklärungskraft für die kurzfristige Entwicklung von Edelmetallen. Allerdings bin ich mir bewusst, dass sie für die Schwäche der langfristigen Trendlinie der Edelmetalle nicht ausreichend überzeugend sind. Deshalb versuche ich in diesem Beitrag, den Verlauf der Edelmetallpreise aus dem Blickwinkel der Liquidität zu erklären.
Wenn man die Perspektive auf eine mittelfristige Dimension ausweitet, zum Beispiel auf die letzten zwei Jahre, zeigt sich eine starke Korrelation zwischen dem Edelmetallmarkt und der 10-2Y US-Anleihezinsdifferenz. Die flache oder steile Zinskurve der US-Anleihen spiegelt die Einschätzung des Marktes bezüglich der Ausrichtung der Geldpolitik wider, also zwischen expansiv und restriktiv. Die Steuerung von kurzfristigen Zinssätzen und Zinsdifferenzen dient als grundlegende Logik der Geldpolitik, um Kreditexpansion und Hebelwirkung im Markt zu ermutigen oder einzuschränken.
Rückblickend betrachtet wurde der Wendepunkt der Edelmetallmärkte in diesem Jahr durch die Verbesserung der US-Arbeitsmarktdaten, die zurückhaltenderen Aussagen der Fed-Vertreter sowie den Wechsel des Fed-Präsidentenvorschlags von Milan zu Walsh ausgelöst, was dazu führte, dass die Zinskurve von einer steilen zu einer flachen Trendlinie überging.
Dennoch denke ich, dass der Einfluss der Liquidität auf die Entwicklung von Edelmetallen, insbesondere der beschleunigte Kursrückgang im zweiten Quartal und nach dem Iran-Konflikt, nicht allein aus geldpolitischer Sicht erklärt werden kann.Viel überzeugender wird es, wenn man breitere makroökonomische Handlungsstränge berücksichtigen kann.
Aus meiner Sicht gab es im zweiten Quartal zwei entscheidende makroökonomische Stränge: Erstens der Wechsel der Geldpolitik der Fed und die starke US-Dollar-Erzählung, und zweitens die Sonderentwicklung im Segment der „harten“ Tech-Aktien.
Einige Marktteilnehmer haben möglicherweise nicht bemerkt, dass hinter der eigenständigen Entwicklung der „harten“ Tech-Aktien auf den wichtigsten globalen Märktendie Finanzhebelquote rasch auf ein historisch hohes Niveau angestiegen ist. Das bedeutet, die ohnehin schon abnehmende Liquidität wurde zusätzlich durch die Hebelwirkung der Aktien absorbiert und verdrängt, was letztlich zu einem allgemeinen Liquiditätsabzug in anderen makroökonomischen Assetklassen abseits des Tech-Aktien-Segments führte.

Die Finanzfunktion ist der entscheidende Faktor für die Entwicklung der Edelmetallmärkte, insbesondere für Silber, das noch stärker von spekulativen Faktoren beeinflusst wird – die Erklärungskraft der Liquiditätsverdrängung ist hier tatsächlich deutlich größer. Darüber hinaus kann der schnelle Rückgang des Hang Seng Technology Index und anderer „Old Economy“-Sektoren, bedingt durch eine schwächelnde Fundamentaldatenlage und „Davis Double Impact“, auch logisch erklärt werden.
Wird das Muster der Liquiditätsverdrängung fortbestehen?Aus meiner Sicht liegt das Hauptproblem weiterhin im Hebel-Absorptionseffekt nach der eigenständigen Entwicklung der Tech-Sektoren; die geldpolitische Richtung ist zweitrangig. Die laufenden Investitionen in KI befinden sich immer noch in einer Phase schnellen Wachstums und reagieren weniger empfindlich auf hohe Zinssätze, sodass auch mittelfristig die Hebelwirkung im Technologiebereich noch nicht ihren Höhepunkt erreicht haben dürfte. Außerdem könnte die Vermögenseffekt durch starke Aktien zu zeitweiligem Inflationsdruck führen und den Spielraum für eine expansivere Geldpolitik der Zentralbanken einschränken.
Daher wird aus meiner Sicht die Liquiditätskrise der Edelmetalle wohl weiter bestehen bleiben.
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