Schweizer Franken: Nach dem Verblassen des sicheren Hafens
Die weltweit „stärkste Währung“, der Schweizer Franken, hat in letzter Zeit ein wenig Schwierigkeiten gehabt.
Im Januar dieses Jahres fiel der USDCHF kurzzeitig unter 0,78 und erreichte damit ein 11-Jahres-Tief. Zu dieser Zeit tobten im Nahen Osten schwere Kämpfe, und weltweite Fluchtgelder strömten massiv in den Schweizer Franken. Die Schweizer Nationalbank sah sich nicht mit Inflation oder Wachstum konfrontiert, sondern mit einem „Luxusproblem“: die eigene Währung war zu stark.
Doch im Juni änderte sich das Bild drastisch. Am 18. Juni stieg der USDCHF sprunghaft über die 0,80-Marke und erreichte ein Hoch bei 0,8016, wonach er sich im Bereich zwischen 0,80 und 0,81 seitwärts bewegte. Innerhalb von nur fünf Monaten hat der Schweizer Franken gegenüber dem US-Dollar fast 3% an Wert verloren.
Neueste Kursentwicklung USDCHF
Was ist passiert? Aus Sicht des Autors gibt es dafür drei zentrale Treiber:
Erstens ebbt die systemische Nachfrage nach sicheren Häfen ab. Der Iran-USA-Konflikt, die Sperrung der Straße von Hormus und steigende Ölpreise trieben die Gelder in den Schweizer Franken, das ultimative „Safe Haven“. Doch mit dem Waffenstillstand im April, der erneuten Öffnung der Straße von Hormus und dem Einbruch der Ölpreise ist diese Grundlage weggefallen. Das Kapital fließt aus den sicheren Häfen ab – der Franken ist als erster betroffen.
Zweitens ist der Zinsnachteil zunehmend offensichtlich. Am 18. Juni beließ die Federal Reserve den US-Leitzins bei 3,50%-3,75%. Die erste Pressekonferenz des neuen Vorsitzenden Walsh verstärkte die Erwartung einer weiterhin restriktiven Politik. Am gleichen Tag bestätigte die Schweizer Nationalbank erwartungsgemäß den 0%-Zinssatz. Der Zinsunterschied zwischen USA und Schweiz beträgt somit über 350 Basispunkte – das Halten von Franken ist mit sehr hohen Opportunitätskosten verbunden. Lässt die Risikoaversion nach, fließt spekulatives Kapital naturgemäß wieder in Hochzinswährungen zurück.
10J-Schweizer Staatsanleihen (blau) VS 10J-US-Staatsanleihen (lila)
Drittens gibt es Unsicherheiten in der Schweizer Volkswirtschaft. Die Inflation (CPI) lag im Mai bei lediglich 0,2 %, weit entfernt vom 2 %-Ziel der Zentralbank und deutet sogar auf ein Deflationsrisiko hin. In ihrer Juni-Erklärung prognostizierte die Nationalbank für 2026–2027 jeweils eine Inflation von nur 0,6 %. Das bedeutet, perspektivisch gibt es überhaupt keinen Grund für Zinserhöhungen – eher könnte man Zinssenkungen begrüßen, sollte der Franken deutlich schwächer werden. Das BIP-Wachstum wird nur noch mit 1 % erwartet, die Schweiz als „Musterschüler“ erlebt zurzeit eine Phase der stagnierenden Niedrigkonjunktur.
CPI-Entwicklung Schweiz im letzten Jahr
Aber bedeutet das, dass der Franken nun unaufhaltsam an Wert verliert? Der Autor meint: nicht unbedingt.
Die Schweizer Nationalbank betonte in ihrer Juni-Erklärung ungewöhnlich deutlich, „dass die Marktinterventionen bei Bedarf verstärkt werden“. Der Markt betrachtet vielfach die Zone 0,7780–0,7800 als die inoffizielle Interventionsschwelle der Nationalbank. Das ist eine „Obergrenze“ (aus Sicht des Franken), aber auch eine „Untergrenze“ (bezogen auf den USDCHF). Nach oben prognostizieren diverse Institutionen kurzfristige Ziele im Bereich 0,82–0,825; sollten die US-Konjunkturdaten weiter stark bleiben, ist dieses Niveau durchaus erreichbar.
Mittelfristig sollte man im Blick behalten: Die Safe Haven-Eigenschaft des Franken ist nicht verschwunden, sondern „schläft“ lediglich. Verschärft sich die geopolitische Lage wieder, kann der Franken jederzeit als sicherer Hafen reaktiviert werden. Zudem haben sich die strukturellen Vorteile wie dauerhafter Leistungsbilanzüberschuss, geringe Staatsverschuldung und politische Stabilität nicht geändert.
Unternehmenskunden mit Zahlungsströmen in Franken empfiehlt der Autor: Aktuell bewegt sich der USDCHF auf einem relativ hohen Jahresniveau. Wer Franken kaufen muss, sollte jetzt Termingeschäfte absichern – für jene mit Franken-Überschüssen, die in US-Dollar oder Yuan wechseln möchten, besteht keine Eile. Es empfiehlt sich abzuwarten oder in Etappen umzutauschen, um Kursschwankungen zu glätten.
Zusammenfassung der heutigen Analyse:
1. Die jüngste Schwäche des Frankens resultiert vor allem aus dem Rückgang der Risikoneigung, dem massiven Zinsnachteil von über 350 Basispunkten gegenüber dem Dollar und der divergierenden Geldpolitik („US-Falken, Schweizer Tauben“);
2. Der USDCHF hat die Marke von 0,80 überschritten, kurzfristiges Ziel liegt bei 0,82–0,825, doch die verdeckte Interventionszone der SNB bei 0,7780–0,7800 begrenzt das Abwärtspotenzial für den Franken;
3. Die Safe Haven-Funktion des Frankens „schläft“ nur und ist nicht verschwunden; bei neu aufflammenden geopolitischen oder konjunkturellen Risiken kann sie jederzeit reaktiviert werden. Unternehmer sollten ihre Wechselkursrisiken auf Basis ihres Cashflows zeitlich gezielt absichern.
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