Die Deutsche Bank gibt gegenüber der Fed nach: In diesem Jahr wird der Leitzins um 50 Basispunkte angehoben, möglicherweise sogar schon im Juli.
Angesichts der hartnäckigen Inflation und der restriktiven Haltung des neuen Fed-Vorsitzenden Warsh hat die Deutsche Bank offiziell „kapituliert“.
Laut WindChaser Trading Desk hat die Deutsche Bank am 20. Juni in ihrem aktuellen Research-Bericht die Inflationserwartungen deutlich angehoben und ihre geldpolitische Prognose grundlegend revidiert: Sie geht nun davon aus, dass die Fed im Jahr 2026 zweimal die Zinsen anheben wird (insgesamt um 50 Basispunkte) und damit den Leitzins auf 4,1% anhebt. Außerdem wird die Möglichkeit einer vorgezogenen Zinserhöhung bereits im Juli nicht ausgeschlossen.
Das Team um Chefökonom USA, Matthew Luzzetti, erklärte im Bericht, dies bedeute eine schnelle Neubewertung eines makroökonomischen Umfelds mit „Higher for Longer“-Zinsen. Die zuvor wegen der „übervorsichtigen“ Zinssenkung der Fed aufgebauten Erwartungen eines lockeren Geldumfelds werden nun durchbrochen; der Rentenmarkt steht vor einer direkten Neubewertung, und zinssensitive Anlageklassen müssen sich kurzfristig auf starke Volatilitäten einstellen.
Beginn der Warsh-Ära: Deutlich restriktive Signale
Dass die Deutsche Bank bislang ihre Basisprognosen nicht angepasst hatte, lag vor allem an zwei Unsicherheiten: Zum einen an der hohen wirtschaftlichen Unsicherheit durch den Krieg im Iran, zum anderen an der noch unklaren geldpolitischen Reaktionsfunktion des neuen Fed-Vorsitzenden Warsh.
Die Ergebnisse der FOMC-Sitzung im Juni haben diese Zweifel jedoch ausgeräumt. Das Federal Open Market Committee zeigte sich in der Gesamtheit restriktiv, und der neue Vorsitzende Warsh gab mit scharfer Rhetorik die Richtung vor. Er erklärte eindeutig:
„Die Fed erklärt, dass die Inflation vor allem durch die Geldpolitik gesteuert wird. Das stimmt. Ich sage seit Jahren: Inflation ist eine Wahl. Das stimmt ebenfalls. Heute erkläre ich, dass dieses Komitee ohne jeden Zweifel und einstimmig beschlossen hat, dass wir dieses Versprechen halten werden.“
Diese Aussage wertet die Deutsche Bank als ein starkes Signal, dass Warsh das Inflationsproblem „lösen“ will – und als direkten Auslöser für die nun restriktivere Prognose.
Zugleich hat die Entspannung im Iran den Ölpreis stark fallen lassen, wodurch sowohl kurzfristige als auch langfristige Inflationserwartungen gesunken sind. Damit wurde ein Teil der geopolitischen Unsicherheit beseitigt und ein Zeitfenster für die Aktualisierung der Prognosen der Deutschen Bank geöffnet.
Basisprognose: Zinserhöhungen im September und Dezember, Leitzins steigt auf 4,1%
Die Deutsche Bank stellt fest, dass die „Disinflation“-Erzählung der USA erschüttert ist, der Inflationsdruck breit verteilt und keineswegs auf Einmaleffekte wie Zölle oder Energie begrenzt ist. Daher erhöht sie die Prognose für die Kern-PCE-Inflation für Ende 2026 und 2027 kräftig auf jeweils 3,2% und 2,5%.
Angesichts der Inflationspersistenz aktualisiert die Deutsche Bank ihre Basisprognose wie folgt: Die Fed wird im Jahr 2026 im September und Dezember jeweils einmal die Zinsen anheben, insgesamt um 50 Basispunkte, sodass der Leitzins auf 4,1% steigt.
Danach wird die Fed im gesamten Jahr 2027 abwarten und erst im ersten Halbjahr 2028 (voraussichtlich im März und Juni) die Zinsen um 50 Basispunkte senken, um den Leitzins schrittweise auf das neutrale Niveau von 3,5–3,75% zu bringen.
Die Deutsche Bank warnt, dass die aktuelle Prognose beidseitige Risiken birgt, wobei auf der restriktiven Seite die Handlungen der Fed sogar noch entschiedener ausfallen könnten als die Basisprognose vorsieht.
- 1. Vorzeitige Zinserhöhung im Juli. Warsh hat öffentlich versprochen, das Preisstabilitätsproblem zu „lösen“. Sollte das Komitee nicht umgehend mit einer Straffung der Politik beginnen, wäre seine Glaubwürdigkeit gefährdet. Die Deutsche Bank hält es deshalb für möglich, dass bereits in der Juli-Sitzung der FOMC gehandelt wird, anstatt auf September zu warten.
- 2. Zinserhöhungen im Gesamtjahr um 75 Basispunkte. Die Zinssenkungen des Vorjahres haben der Wirtschaft einen beträchtlichen „Versicherungsschutz“ geboten. Um diese Lockerung vollständig zurückzunehmen, könnten Zinserhöhungen von 75 Basispunkten statt der geplanten 50 Basispunkte erforderlich sein.
Gleichzeitig macht die Deutsche Bank auf mögliche abwärtsgerichtete (dovishe) Risiken aufmerksam, die einen eher lockeren Politikpfad begünstigen könnten:
Erstens: Verbesserung der Energiepreise und rückläufige Inflationserwartungen. Sollte der durch die Entspannung im Iran ausgelöste Ölpreisrückgang anhalten, könnte dies die Notwendigkeit sofortiger Maßnahmen der Fed teilweise reduzieren.
Zweitens: Saisonale Schwäche am Arbeitsmarkt. Im Sommer steigt die Jugendarbeitslosigkeit historisch saisonal an. Zwar präferiert die Fed derzeit eine restriktive Haltung, aber die Deutsche Bank glaubt, dass sie Warnsignale vom Arbeitsmarkt nicht völlig ignorieren wird.
Drittens: Allmählicher Rückzug der Zolleffekte. Die jüngsten Inflationsdaten zeigen, dass der inflationstreibende Effekt der Zölle auf die monatlichen Inflationsdaten nachzulassen scheint, was der Fed bei der Reaktion auf den Inflationsdruck mehr Spielraum verschafft.
Persistente Inflation schwer einzudämmen, Deutsche Bank warnte bereits früh
Die Änderung der politischen Haltung der Deutschen Bank erfolgt nicht abrupt, sondern ist die logische Fortsetzung einer Reihe vorangegangener Studien.
In mehreren früheren Berichten hat das Research-Team der Deutschen Bank bereits Schritt für Schritt einen Analyse-Rahmen aufgebaut, der zu dem Schluss kommt, „dass die Fed unter Umständen die Zinsen anheben muss“:
- Im Bericht „Fünf Zweifel an der US-Disinflations-Erzählung“ stellt die Deutsche Bank die Nachhaltigkeit der rückläufigen Inflation systematisch infrage;
- Im Bericht „Warum bleibt die Inflation über 2%? – Fast alles trägt dazu bei“ betont die Deutsche Bank, dass der Inflationsdruck breit verteilt ist und nicht nur von Zöllen oder Energie getrieben wird;
- Im Bericht „Überversicherung?“ bewertete die Deutsche Bank die im Vorjahr aufeinanderfolgenden Zinssenkungen der Fed als „Überversicherung“ gegen Abwärtsrisiken am Arbeitsmarkt – diese Risiken haben sich letztlich aber nicht realisiert.
Darüber hinaus hebt die Deutsche Bank hervor, dass der aktuelle Politikzins deutlich unter dem Niveau liegt, das nach verschiedenen von der Fed genutzten Politikregeln angezeigt wird – unabhängig davon, ob aktuelle Daten, jüngste Prognosen, die Schätzungen des neutralen Zins (r-star) der Fed oder Berechnungen der Deutschen Bank herangezogen werden. Das Fazit ist eindeutig: Der derzeitige Zins ist zu locker.
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