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Ist der Ölpreis nach dem Rückgang auf das „Vorkriegsniveau im Irak“ eine Überreaktion des Marktes?

Ist der Ölpreis nach dem Rückgang auf das „Vorkriegsniveau im Irak“ eine Überreaktion des Marktes?

华尔街见闻华尔街见闻2026/06/19 03:18
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Von:华尔街见闻

Brent-Rohöl ist in dieser Woche unter 77 US-Dollar pro Barrel gefallen und hat damit nahezu die gesamte geopolitische Prämie seit Ausbruch des Iran-Krieges abgegeben und den tiefsten Stand seit Kriegsbeginn erreicht. Mehrere Analysten warnen jedoch, dass der Terminmarkt auf eine Angebotswiederaufnahme setzt, die so noch gar nicht stattgefunden hat. Zwischen dem Optimismus der Finanzmärkte und der Realität des physischen Ölmarktes öffnet sich derzeit eine deutliche Kluft.

Am Mittwochabend unterzeichneten die USA und der Iran ein 14-Punkte-Rahmen-Memorandum of Understanding. Das US-Zentralkommando bestätigte anschließend die Aufhebung der Blockade der Straße von Hormus, und es gab Berichte über Öltanker, die diese Wasserstraße passiert haben. Der Brent-Ölpreis fiel im Tagesverlauf kurzzeitig auf 76,54 US-Dollar pro Barrel und schloss mit einer leichten Erholung bei 79,85 US-Dollar; WTI schloss mit einem Minus von 0,2 % bei 75,85 US-Dollar und erreichte damit den tiefsten Stand seit Kriegsbeginn. Der durchschnittliche US-weite Einzelhandelspreis für Benzin fiel dadurch ebenfalls unter 4 US-Dollar pro Gallone auf 3,999 US-Dollar, was aber immer noch etwa 1 US-Dollar über dem Vorkriegsniveau liegt.

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Seit dem Hoch von über 100 US-Dollar pro Barrel im Mai hat Brent insgesamt mehr als 25 % verloren, da der Markt auf eine baldige Rückkehr großer Mengen Rohöl aus dem Nahen Osten auf den Weltmarkt wettet. Von fehlender Schiffsversicherung und weiterhin dreifach höheren Tankerfrachtraten bis zu den laut Internationaler Energieagentur (IEA) täglich um fast 4 Millionen Barrel sinkenden globalen Lagerbeständen ist die fundamentale Realität jedoch weitaus komplexer als die aktuelle Marktpreisbildung.

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Dieses Rennen zwischen Finanzmarkt und physischem Markt ist derzeit der zentrale Streitpunkt bei der Ölpreisentwicklung. Mehrere Analysten sehen bei dem aktuellen Preisrückgang ein Übertreibungsrisiko, andere argumentieren jedoch, dass die Erwartung gelockerter Iran-Sanktionen noch nicht vollständig eingepreist ist und im Falle einer Bestätigung weiterer Abwärtsdruck auf den Ölpreis entstehen kann.

Hormus-Öffnung, Stimmungsgetriebener Preissturz

Der unmittelbare Auslöser für den starken Preisverfall war die Unterzeichnung des bilateralen Memorandums zwischen den USA und dem Iran. Gemäß dem Rahmenabkommen soll Teheran die Straße von Hormus – normalerweise für etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels täglich verantwortlich – wieder öffnen. Im Gegenzug hebt Washington die Blockade iranischer Häfen und Ölexport-Sanktionen auf und eröffnet ein 60-tägiges Zeitfenster für Verhandlungen über das Atomabkommen. Iran verpflichtet sich zudem, niemals Kernwaffen zu entwickeln oder sich diese zu beschaffen.

Die Marktreaktion ließ nicht auf sich warten: erst verkaufen, dann fragen. Trump verkündete auf TruthSocial großspurig: „Das Öl fließt... der Aktienmarkt brüllt... gerne geschehen!“

Goldman Sachs-Analystin Yulia Zhestkova Grigsby schätzt in einem Bericht, dass die Ölexporte aus dem Persischen Golf bis Ende Juli wieder das Vorkriegsniveau erreichen könnten, weist jedoch auf mehrere Hürden für eine vollständige Erholung hin. Auch Kpler Senior-Crude-Analyst Navin Das sieht im Preisrückgang nach der Vereinbarung einen Rückgang der geopolitischen Risikoprämie in der Terminpreiskurve, kombiniert mit der Erwartung einer Wiederaufnahme der Öltransporte durch die Straße von Hormus – beides drückt auf die Spotpreise.

Schifffahrtsmarkt noch nicht überzeugt: Frachtraten weiterhin dreimal so hoch wie vor dem Krieg

Im Gegensatz zum Optimismus an den Terminbörsen spiegelt der Schiffsmarkt diese Friedenshoffnungen bislang nicht wider.

Berichten zufolge hat PetroChina diese Woche versucht, einen Very Large Crude Carrier (VLCC) für eine Ladung irakischen Rohöls vom 25. bis 30. Juni zu chartern und erhielt sechs Angebote, die Frachtraten lagen jeweils etwa beim Dreifachen des Vorkriegsniveaus, letztlich kam kein Deal zustande. PetroChina begründete dies unumwunden so: „Es gibt Tanker, aber sie sind zu teuer und es gibt keine Garantie, dass sie die Straße passieren.“ Indiens staatliche Ölgesellschaft erhielt auf eine zeitgleiche Ausschreibung überhaupt keine Angebote; Sinochem sucht weiterhin nach einem Schiff.

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Argus Media-Redakteur für Golf und Nahostmärkte, Nader Itayim, betont, dass der Markt die Auswirkungen der Vereinbarung zu optimistisch einschätzt und dabei sowohl das Ausmaß als auch die Geschwindigkeit der Angebotsnormalisierung überschätzt: „Auch wenn es im Golf-Kooperationsrat-Region Öl zur Ausfuhr gibt, dürfte der Angebotszuwachs nicht sofortige Realität werden,“ so Itayim. „Die logistischen Engpässe müssen erst überwunden werden, ehe der Fluss wieder auf Normalniveau steigt.“

Yulia Zhestkova Grigsby sieht in ihrem Goldman-Bericht weiterhin hohe Skepsis bei vielen Reedern hinsichtlich der Durchfahrt, das Risikoaversion bei Versendern begrenzt den Handel. Hinzu kommt Irans geopolitisches Kalkül während der 60-tägigen Atomverhandlungen, was die Unsicherheit verstärkt.

Lagerdaten warnen: Fundamentale Entwicklung trübt den Optimismus

Die Fundamentaldaten am physischen Rohölmarkt markieren eine klare Warnlinie zu dem abrupten Preisrutsch.

Die IEA schätzt, dass die globalen Lagerbestände seit Kriegsbeginn Ende Februar mit nahezu 4 Millionen Barrel pro Tag schrumpfen. Die US-Rohölvorräte sind in den letzten neun Wochen um mehr als 50 Millionen Barrel gefallen, und die Lagerbestände im Cushing-Öllagerzentrum bewegen sich bereits an der von vielen Analysten als operative Untergrenze angesehen Schwelle. Staaten, die über Monate strategische und kommerzielle Reserven abgebaut haben, stehen nun vor der Notwendigkeit, diese wieder aufzufüllen.

Betrachtet man die Brent-Terminkurve, so würde der Ölpreis erst im März 2031 wieder auf das Vorkriegsniveau von rund 70 US-Dollar pro Barrel zurückkehren – ein deutlicher Diskrepanz zur aktuellen aggressiven Preisbildung am Terminmarkt.

Bloomberg weist außerdem darauf hin, dass im Falle einer tatsächlichen Normalisierung der Durchfahrt durch die Straße von Hormus asiatische Märkte unter Druck geraten: Asiens Raffinerien haben vormalig unterbrochene Nahost-Lieferungen durch US-amerikanische und andere Alternativen ersetzt, gleichzeitig die Verarbeitungsmenge reduziert und sind nun mit einer plötzlichen Flut von Rohöl aus dem Persischen Golf konfrontiert. Dies hat dazu geführt, dass sich die Terminstruktur für Nahost-Rohöl auf Contango – d. h. höhere Preise für spätere Lieferungen – umgekehrt hat, da der Markt derzeit eher auf ein Überangebot als einen Mangel preist.

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Unklarheiten im Rahmenabkommen bleiben bestehen

Neben dem Tempo des Angebotsanstiegs enthält auch der Vertragstext selbst zahlreiche Unschärfen und erhöht die Unsicherheit am Markt zusätzlich.

Das Memorandum of Understanding sieht vor, dass Handelsschiffe „ausschließlich für 60 Tage von Transitgebühren befreit sind“. Trump verkündete jedoch gegenüber Medien, die Straße sei auch nach den 60 Tagen weiterhin „gebührenfrei passierbar“ – eine Klausel, die im eigentlichen Vertrag nicht enthalten ist. Itayim betont ebenfalls, dass diese Vereinbarung kein umfassendes, die Märkte absicherndes Friedensabkommen sei, sondern lediglich ein vorläufiger Rahmen, um Konflikte zu mindern und neue Verhandlungen zu ermöglichen. Daher müsse der Markt einen gewissen Risikoaufschlag in den Preisen beibehalten.

Kpler-Analyst Navin Das weist auf einen weiteren Aspekt hin: Im langen Ende der Preiskurve werden Lockerungen der Iran-Sanktionen zwar zum Teil bereits abgebildet, dieser Faktor sei jedoch noch nicht vollständig eingepreist – wird die Sanktionsaufhebung nach dem 60-tägigen Verhandlungsfenster offiziell bestätigt, entsteht weiterer Abwärtsdruck auf die Ölpreise.

Alle Analysen laufen auf einen zentralen Widerspruch hinaus: Die Finanzmärkte haben das Unterzeichnen der Vereinbarung als Signal genommen, um eine vollständige Angebotswiederherstellung sofort einzupreisen; der physische Markt – mit Schiffsversicherung, Tankereinsatz, Feldräumung und Wiederaufnahme der Förderung – agiert aber nach einem ganz anderen Zeitplan. Aktuell handeln die Märkte einen vorläufigen Rahmenvertrag, als sei es bereits ein vollwertiger Reaktivierungsplan, während der physische Sektor noch auf die tatsächliche Umsetzung wartet.

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