Goldman Sachs analysiert ausführlich das „postmoderne“ Investitionsumfeld: Die Ära müheloser Gewinne durch Bewertungsanstiege ist vorbei, ein Superzyklus der Investitionsausgaben bahnt sich leise an.
Das globale Investitionsparadigma durchläuft einen tiefgreifenden strukturellen Wandel.
Laut Chasing Wind Trading Desk betont Goldman Sachs in seinem jüngsten globalen Strategiebericht, dass der „moderne“ Superzyklus, der durch niedrige Inflation, niedrige Zinsen und Globalisierung gekennzeichnet war, der Vergangenheit angehört und ein „postmoderner“ Zyklus mit höheren makroökonomischen Schwankungen, höheren Realzinsen, stärkeren staatlichen Eingriffen und stärkerer Regionalisierung die Logik von Aktienrenditen neu prägt.
Die Strategen von Goldman Sachs, Peter Oppenheimer, Sharon Bell und andere, machen in dem Bericht mit dem Titel „Der postmoderne Zyklus: Navigieren durch den Investitionsboom“ deutlich, dass die Ära der renditetragenden Bewertungsexpansion endet und das Wachstum des Gewinns pro Aktie zur dominierenden Variable für die Marktentwicklung avanciert. Gleichzeitig löst die von der KI-Revolution ausgelöste Welle privater Investitionen, verstärkt durch geopolitisch getriebene staatliche öffentliche Investitionen, einen synchronisierten Investitions-Superzyklus aus.
Dieser Wandel wirkt sich direkt auf die Logik der Vermögensallokation der Investoren aus. Laut Goldman Sachs dämpfen höhere Kapitalkosten das Potenzial für Bewertungs-Multiple-Expansion, die Streuung der Marktrenditen nimmt zu, was bedeutet, dass Strategien, die ausschließlich auf Beta setzen, auf größere Herausforderungen stoßen, während der Alpha-Wert aktiver Titelselektion deutlich steigt.
„Moderner“ Superzyklus: Eine goldene Ära ohne Wiederholung
Um den aktuellen strukturellen Wandel zu verstehen, muss zunächst das makroökonomische Grundrauschen der vergangenen 40 Jahre betrachtet werden. Goldman Sachs definiert die Jahre 1982 bis 2007 als den „modernen“ Superzyklus, dessen zentrale Triebkraft eine Reihe einseitig positiver und nachhaltiger Rückenwinde war.
In dieser Zeit ging die globale Inflation ausgehend von den Hochs der 1970er Jahre stetig zurück. Die Fed senkte unter Paul Volcker mit einer aggressiven Straffungspolitik den US-Leitzins von etwa 10 % auf fast 20 %, bevor ein jahrzehntelanger Abwärtstrend des Zinsniveaus einsetzte. Das KGV des S&P 500 stieg von historischen Tiefständen um das 7-fache deutlich an.
Unter Reagan und Thatcher brachten angebotsorientierte Reformen eine Welle von Deregulierung, Privatisierung und Steuersenkungen; Unternehmenssteuersätze fielen in den wichtigsten Wirtschaften kontinuierlich.
Gleichzeitig beschleunigte sich die Globalisierung erheblich.
Die Uruguay-Runde 1986, das Inkrafttreten des NAFTA 1994 und Chinas WTO-Beitritt 2001 ebneten den Weg für das goldene Zeitalter des Welthandels – zwischen 1995 und 2010 wuchs der Welthandel doppelt so schnell wie das weltweite BIP.
Die Verlagerung der Produktion in kostengünstige Regionen senkte die Arbeitskosten, die Schiefergasrevolution im Energiesektor reduzierte die Energiepreise weiter, und der Anteil der Unternehmensgewinne am BIP erreichte historische Höchststände.
All dies führte gemeinsam zu einer Ära niedriger makroökonomischer Schwankungen, hoher Unternehmensgewinne und starker Vermögensrenditen – einer Zeit der sogenannten „Großen Stabilität“.
Nullzins-Ära: Bewertungsgetriebener Scheinhochstand
Die globale Finanzkrise 2008 unterbrach die normale Entwicklung des „modernen“ Zyklus, doch die darauf folgende Politik der quantitativen Lockerung ebnete den Weg für einen besonderen Marktrun.
Daten von Goldman Sachs zeigen: Obwohl das Wirtschaftswachstum nach 2009 schwächer ausfiel als der Nachkriegsschnitt seit 1950, übertrafen die Finanzmärkte den historischen Durchschnitt deutlich – Aktien und Anleihen stiegen parallel, allerdings konzentrierte sich die Rendite auf wenige Bereiche.
Vor dem Hintergrund schwachen nominalen BIP-Wachstums und wachstumsarmer Aussichten floss Kapital in großem Umfang in Anlagen mit berechenbarem Wachstum; amerikanische Technologiewerte wurden zum Hauptprofiteur. Die Eigenkapitalrendite (ROE) des Technologiesektors beschleunigte sich stetig, während Software- und Cloud-Unternehmen bei der Umstellung von der analogen auf die digitale Welt von Preissetzungsmacht und explosivem Gewinnwachstum profitierten.
Zwischen 2009 und 2022 lag die Überrendite globaler Technologieaktien gegenüber Nicht-Technologieaktien bei über 200 %; US-Aktien erzielten gegenüber anderen Märkten ebenso beträchtliche Überrenditen, und der Vorsprung der Growth- gegenüber Value-Aktien erreichte historische Höchststände.
Doch betont Goldman Sachs, dass diese hohen Renditen in hohem Maße auf die stetig sinkenden Diskontierungssätze und Bewertungssteigerungen zurückzuführen waren, weniger auf fundamentale Treiber – ein Umstand, der sich nach der tiefgreifenden Zinswende kaum fortsetzen lässt.
„Postmoderner“ Zyklus: Sieben strukturelle Veränderungen prägen neue Investmentlogik
Laut Goldman Sachs war die Coronapandemie der Auslöser des „postmodernen“ Zyklus. Eine Reihe von Ereignissen beschleunigte und verstärkte den strukturellen Wandel. Der Bericht arbeitet sieben zentrale Veränderungen heraus:
Erstens: Der Kapitalkostenmittelwert steigt. Lieferkettenunterbrechungen durch die Pandemie lösten erstmals in diesem Jahrhundert einen Inflationsschub aus; Realzinsen stiegen erheblich. Die Renditen 30-jähriger Anleihen in Deutschland und Japan stiegen von nahezu null auf etwa 4 %, ein nicht zu unterschätzender Wandel.
Zweitens: Die Staatsverschuldung steigt weiter. Die US-Verschuldung in Relation zum BIP stieg von 55 % auf 124 %, Großbritannien von 37 % auf 95 %, die Eurozone von 69 % auf 95 %, China von 22 % auf 102 %. Der globale Wettbewerb um Kapital verschärft sich, was die langfristigen Zinsen weiter antreibt.
Drittens: Wiederaufbau von Zollschranken. Der effektive US-Zollsatz liegt auf dem höchsten Niveau seit den 1930er Jahren, globale handelsbeschränkende Maßnahmen schießen in die Höhe, während liberale Maßnahmen deutlich in der Minderheit sind.
Viertens: Umstrukturierung der geopolitischen Ordnung. Die regelbasierte internationale Ordnung der Nachkriegszeit wird zunehmend in Frage gestellt; der Policy Uncertainty Index klettert auf neue Höhen und Regierungen überdenken Verteidigungs- und Handelsbeziehungen.
Fünftens: Sicherheit von Energie und Rohstoffen hat Priorität. Die Sicherstellung von Lieferketten und Energieunabhängigkeit wird für die Politik zentral, was die Investitionen in diesen Bereichen nachhaltig erhöht.
Sechstens: Verteidigungsausgaben steigen zyklisch wieder. Die Kriege in der Ukraine und im Iran treiben die globalen Verteidigungsausgaben nach oben; selbst Länder wie Deutschland und Japan mit traditionell niedrigen Verteidigungsbudgets verfolgen massive Aufrüstung.
Siebtens: KI-getriebene Investitions-Revolution. Die Verbreitung großer Sprachmodelle eröffnet eine neue Innovationswelle und einen nie dagewesenen Bedarf an Kapitalinvestitionen.
Der zentrale Antrieb des KI-Investitions-Superzyklus
Die KI-Revolution ist der direkteste Katalysator des aktuellen Investitions-Superzyklus.
Laut Goldman Sachs beträgt das Quartalswachstum der Investitionen der S&P 500-Unternehmen in den USA im Jahr 2026 38 % gegenüber dem Vorjahr, während Rückkäufe nur um 1 % zunehmen – ein deutlicher Kontrast zur Logik der vergangenen Jahre, in denen Börsenbelohnungen durch Rückkäufe statt Investitionen erzielt wurden.
Die Investitionspläne der Hyperscaler (große Cloud-Anbieter) sind besonders ambitioniert.
Marktkonsensschätzungen, zusammengefasst von Goldman Sachs, zeigen: Amazon, Meta, Google, Microsoft und Oracle werden 2026 zusammen rund 75,5 Milliarden US-Dollar investieren – etwa 80 % mehr als ein Jahr zuvor und rund 84 % mehr als 2025. Im Jahr 2027 wird mit weiteren Anstiegen auf rund 92 Milliarden US-Dollar gerechnet.
Diese Investitionswelle verändert jedoch auch die Wertestruktur innerhalb des Technologiesektors.
Goldman Sachs stellt fest, dass die anhaltenden Investitionen der Hyperscaler zunehmend den freien Cashflow belasten, und der Markt beginnt zu hinterfragen, ob die bisherigen Überrenditen und Margen aufrechterhalten werden können.
Gleichzeitig führt die schnelle Entwicklung agentenbasierter KI zu wachsenden Sorgen der Investoren, dass Geschäftsmodelle im Softwarebereich verdrängt werden. Die Bewertungsprämie der Segmente Software und IT-Services zum Gesamtmarkt ist binnen weniger Monate stark geschrumpft, während jene des Segments Hardware und IT-Devices sich der Software annähert. Goldman Sachs warnt, dass Investoren versuchen, den „Kodak-Moment“ im KI-Zeitalter aktiv zu vermeiden.
Marktführerschaft im Wandel: Neubewertung von Sachwerten und alter Ökonomie
Der „postmoderne“ Zyklus bringt nicht nur eine Umstrukturierung innerhalb des Technologiesektors, sondern eine umfassende Rotation der Marktführerschaft mit sich.
Daten von Goldman Sachs zeigen, dass seit 2025 Schwellenländer, Gold, Industriemetalle, die japanische Börse und der Value-Stil jeweils besser abschnitten als Nasdaq und S&P 500 – der Trend kehrt sich gegenüber den Nachwirkungen der Finanzkrise grundlegend um.
Hinter dieser Rotation stehen fundamentale Gründe.
Goldman Sachs weist darauf hin, dass das Wachstum der Tech-Giganten immer weniger allein von virtuellen Software-Anwendungen abhängt, sondern zunehmend auf physischer Infrastruktur wie Rechenzentren und Stromversorgung basiert.
Diese Abhängigkeit erzeugt einen „Kaskadeneffekt“ – die Investitionen der Technologieriesen schwappen auf lange vernachlässigte traditionelle Value-Branchen über und schaffen strukturelle Einnahmechancen für Sektoren wie Industrie, Energie und Versorger.
Gleichzeitig sorgt geopolitisch getriebener Aufschwung der Verteidigungsausgaben für neue Nachfrage in der „alten Ökonomie“. In Ländern wie Deutschland und Japan steigen die Anforderungen an Flugzeuge, Panzer, Munition und Schiffe dramatisch; entsprechende Unternehmen werden systematisch neu bewertet.
Kapitalinvestitionsprofiteure ins Portfolio, Willkommen im Alpha-Zeitalter
Auf Basis dieses makroökonomischen Rahmens bekräftigt Goldman Sachs seine Präferenz für Investitionen in Unternehmen, die von Kapitalausgaben profitieren. Das global von Goldman Sachs verfolgte Portfolio dieser Aktien ist seit Jahresbeginn um rund 25 % gestiegen, strukturelle Unterstützung bleibt laut Goldman Sachs jedoch erhalten.
Die Branchenzusammensetzung: rund 30 % Industrie, 20 % Rohstoffproduzenten, 15 % Technologie, 10 % Versorger, der Rest verteilt auf Chemie, Bau, Telekom und Immobilien. Goldman Sachs empfiehlt zudem vier thematische Investmentbaskets: Künstliche Intelligenz, Verteidigungsausgaben, Strom & Elektrifizierung sowie HALO (kapitalintensive Unternehmen).
Der GS-Kapitalausgaben-Tracker von Goldman Sachs umfasst weltweit ca. 4.000 Unternehmen und mehr als 20 Endmärkte. Die Daten zeigen: Die relative Performance der Kapitalausgabenprofiteure liegt meist mehrere Quartale vor dem Investitionszyklus; aktuell sind die Signale weiterhin konstruktiv und der Investitionstrend breitet sich von Rechenzentren auf Energie, Industrie und Infrastruktur aus.
Goldman Sachs betont: In einem Umfeld höherer Kapitalkosten ist der Spielraum für Bewertungs-Multiple-Expansion limitiert, Gewinnwachstum und Anhebungen der Gewinnerwartungen werden zur Kerntriebkraft von Überrenditen. Das Gewinnwachstum der Kapitalausgabenprofiteure liegt derzeit im zweistelligen Bereich, Konsensprognosen gehen von einer Gewinnsteigerung um rund 25 % gegenüber dem Vorjahr aus und bieten damit fundamentalen Rückhalt für Bewertungsprämien.
Das abschließende Fazit von Goldman Sachs: Die Gesamtmarktrenditen werden künftig auf Indexebene geringer ausfallen, doch die Differenzen relativer Renditen zwischen Regionen, Branchen und Stilen nehmen deutlich zu. Das bedeutet: Investoren treten in eine Ära ein, in der aktives Management und Alpha-Generierung wertvoller denn je werden.
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