Sogar GitLab beginnt, Programmierer zu entlassen.
Ein Unternehmen, das auf Programmiere setzt, entlässt jetzt Programmierer wegen KI.
Zusammen mit GitHub bildet GitLab eines der zwei fundamentalen Standbeine der Entwickler-Welt – nun hat das Unternehmen im Zuge der vollständigen Umstellung auf KI gerade 14 % seiner Mitarbeiter entlassen.

Ehrlich gesagt: Auch wenn das Vorgehen von GitLab dem guten alten Prinzip „den Brunnenbauer nicht vergessen, wenn man Wasser trinkt“ widerspricht, so ist es im heutigen Silicon Valley nicht sonderlich überraschend.
Schließlich sind Kündigungen und Reorganisationen in Zeiten des KI-Booms – ob bei Großunternehmen oder Start-ups – beinahe Alltag.
Überraschender ist allerdings, dass GitLab diesmal weder aufgrund sinkender Umsätze noch wegen finanzieller Engpässe entlässt.
Im Gegenteil.
Der aktuelle Q1-Finanzbericht zeigt: Das Unternehmen steigerte seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 23 %, übertraf die Erwartungen – der Aktienkurs stieg nachbörslich um zeitweise sieben Prozent.
Einerseits Umsatzwachstum und steigender Aktienkurs, andererseits werden 14 % der Belegschaft entlassen.
Wäre ich GitLab-Mitarbeiter, wäre meine Stimmung wohl im Keller –
Eine wahrlich „präventive“ Entlassungswelle – Leid wird geteilt, Freude nicht.
Die Frage steht im Raum:
Warum entlässt ein profitables Unternehmen ausgerechnet diejenigen, die das Geld hereinholen?
„Proaktive Transformation für das Zeitalter der Agenten“
GitLab ist vielleicht weniger Mainstream als GitHub, aber im Bereich Entwickler-Infrastruktur ist der Name kaum zu umgehen.
Das Unternehmen entstand aus einer typisch programmierer-getriebenen Geschichte.
2011 entwickelte der osteuropäische Entwickler Dmytro Zaporozhets ein Open-Source-Projekt, das er später gemeinsam mit dem Niederländer Sid Sijbrandij zur Firma ausbaute.
GitLab bietet eine DevSecOps-Plattform, die den gesamten Softwareentwicklungszyklus abdeckt – von Codeverwaltung über Sicherheitsscans bis zum Deployment – und vereint praktisch alle Tools, die Entwickler benötigen, auf einer Plattform.
Rund zehn Jahre später schaffte der Konzern den Sprung an die NASDAQ, mit einer zwischenzeitlichen Spitzenbewertung von über 15 Milliarden Dollar.
Bis Ende 2025 registrierte GitLab weltweit über 50 Millionen Nutzer, und die Hälfte der Fortune 100 gehört zu seinen Kunden.
Besonders ist auch: GitLab war von Beginn an ein vollständig remote arbeitendes Unternehmen – ohne Headquarters, ca. 2500 Mitarbeiter verteilt auf über 60 Länder und Regionen.
Eigentlich müsste ein von Programmierern großgezogenes Unternehmen den Wert von Entwicklern am besten kennen.
Doch nun entlässt GitLab rund 14 % seiner Mitarbeiter – etwa 350 Personen.
Die naheliegende Frage: Was ist passiert? Warum handelt GitLab so?
Ein Blick in den Finanzbericht und den offenen Entlassungsbrief des CEOs könnte Antworten liefern:
GitLab durchläuft die wohl tiefgreifendste Selbstumwandlung seit seiner Gründung:
Kündigungen, Reorganisation und KI-Strategie laufen parallel.

Vor Kurzem veröffentlichte GitLab den Q1-Finanzbericht (bis 30. April 2026) und nannte dabei auch die Details der Entlassungen.
Zu den Zahlen: Wichtige Kennzahlen wirken durchweg solide:
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Der Q1-Umsatz erreichte 264,2 Millionen US-Dollar, ein Plus von 23 % zum Vorjahr und übertraf die Analystenerwartungen von 254 Millionen;
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Die Abo-Einnahmen stiegen von 194,5 Millionen auf 239,3 Millionen im Jahresvergleich;
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Die Zahl der Großkunden mit jährlich wiederkehrenden Umsätzen von über 100.000 Dollar wuchs um 18 %;
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Der GAAP-Nettoverlust sank deutlich von 35,9 Millionen Dollar auf 5 Millionen;
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Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei 23 Cent und damit 2 Cent über der Wall-Street-Prognose, auch die Jahresprognose wurde angehoben.
Alles sieht nach Wachstum aus. Doch direkt danach folgten die Kündigungen.
Bereits im Mai hatte GitLab geplant, Mitarbeiter zu entlassen – damals war aber noch keine endgültige Zahl bekannt, jetzt ist klar:
Etwa 350 festangestellte Mitarbeiter müssen gehen. Die Kosten werden auf 30 bis 35 Millionen US-Dollar geschätzt – Abfindungen, Ausgleichszahlungen und Bindungskosten, davon sollen ca. 19 Millionen bis Ende Juli gezahlt werden.
Gleichzeitig zieht sich GitLab aus 22 Ländern und Regionen zurück, das Geschäftsgebiet wird um 37 % verkleinert, das Entwicklerteam in rund 60 kleinere autonome Squads aufgeteilt.
Warum trotz Wachstum diese Kürzungen? Hauptgrund ist die KI-Strategie.
Laut CEO Bill Staples ist dies ein proaktiver Wandel hin zum „Zeitalter der Agenten“ (agentic era) .
Bill erklärte dies schon im Mai ausführlich in einem offenen Brief („GitLab Act 2“) mit 14 weiteren Tweets, in denen er die Hintergründe für die Kündigungen erläuterte.
Das wurde von Usern als Folgendes kommentiert:
Das wohl bislang offenste Statement eines CEO eines börsennotierten Unternehmens zu Entlassungen und KI-Transformation.

Nach Bill werden KI-Agenten mit „Maschinengeschwindigkeit“ auf Entwickler-Infrastruktur zusteuern. GitLab müsse deshalb seine Architektur auf neue Lasten ausrichten.
Das eingesparte Geld werde „größtenteils“ nicht zum Gewinn, sondern solle erneut in Entwicklung und KI-Produkte fließen.
Außerdem vertieft das Unternehmen die Integration mit dem Anthropic Claude-Modell und arbeitet mit AWS sowie Google Cloud zusammen, um Agenten-Features auf Bedrock und Vertex AI laufen zu lassen.
Klar ist: Agenten stehen jetzt im Mittelpunkt von GitLabs Wiederaufbau.
Obwohl Bill betont, es gehe nicht um KI-Optimierung oder Kostensenkungen, bleibt die Reaktion der Märkte klar:
Nach der Bekanntgabe stieg die Aktie nachbörslich kurz um 7%, am Folgetag jedoch gaben die Kurse die Gewinne nach Verarbeitung der Entlassungsmeldung vollständig wieder ab.
Seit dem Börsendebüt 2021 bei etwa 104 US-Dollar sackte der Kurs um 80 % ab.
Das zeigt: Zumindest aktuell ist die Wall Street gegenüber dem ganzen Reorganisationskurs skeptisch –
Das Umsatzwachstum überzeugt, aber ob Kündigungen und KI-Agenten langfristig Wert schaffen, bleibt fraglich.
Q1-Kündigungen bei Tech-Unternehmen im Silicon Valley um 40 % gestiegen
Tatsächlich ist GitLab kein Einzelfall.
Wer sich die diesjährigen Kündigungen in der Tech-Branche von Silicon Valley anschaut, erkennt rasch –
Präventive Kündigungen wie bei GitLab – Wachstum und gleichzeitiger Personalabbau – sind inzwischen Standard.
Und KI ist praktisch das Allzweck-Argument zur Erklärung dieses Widerspruchs.
Das US-amerikanische Outplacement-Beratungsunternehmen Challenger, Gray & Christmas berichtete im April:
Im März 2026 war KI erstmals der Hauptgrund für Entlassungen in US-Unternehmen: Eine einzige Monatsstatistik zählt 15.341 Entlassene wegen KI, das sind 25 % aller Kündigungen des Monats.
Am stärksten betroffen: Die Tech-Branche. Im Q1 2026 entließen Tech-Firmen 52.050 Mitarbeiter – 40 % mehr als im Vorjahr, Haupttreiber waren Dell, Oracle und Meta.
Der Verantwortliche Andy Challenger bringt es offen auf den Punkt:
Unternehmen verlagern ihr Budget von Personal auf KI-Investitionen (vor allem in Rechenleistung). In Tech-Firmen kann KI inzwischen Programmier-Jobs ersetzen.

Allerdings wird auch das Narrativ „KI entlässt Manpower“ zunehmend kritisch hinterfragt.
Zu den Skeptikern zählt auch ein alter Bekannter: OpenAI-CEO Sam Altman.
In einem Interview im Februar sagte er einen recht untypischen Satz für einen CEO:
Ich kenne keine genaue Quote, aber es gibt definitiv ein „KI-Washing“ – Einige Firmen schieben Entlassungen, die sie ohnehin vorgenommen hätten, einfach auf KI.
Laufen die Zahlen schlecht, war man nicht KI-ready. Läuft’s gut, war’s die Stärke der KI.
Bleibt nur festzustellen: Aktuell ist KI wohl der größte Allzweckstein an der Wall Street (doge).
Natürlich: Das Argument, KI verursache Massenarbeitslosigkeit, ist nur eine Seite – widersprechende Stimmen gibt es ebenfalls.
Bekanntermaßen veröffentlichte Andrew Ng im Mai einen vielbeachteten Beitrag: „There will be no AI jobpocalypse“.
Sein Standpunkt ist eindeutig: KI wird kein Job-Armageddon auslösen.
Er betont, dass gerade die Softwareentwicklung am stärksten betroffen sei, doch die Nachfrage nach Personal bleibe hoch.
Nach seiner Analyse wirken hier zwei Narrative zugleich:
Fortschrittliche KI-Labore stellen KI als möglichst mächtig dar, um Produkte besser zu verkaufen; Unternehmen wiederum nutzen KI als Grund für Entlassungen, um fortschrittlicher zu erscheinen.
Mit anderen Worten: KIs Einfluss auf Beschäftigung ist real – aber das KI-Narrativ verbreitet sich oft schneller als die tatsächliche Wirkung.
Ngs Prognose lautet darum nicht „Job-Katastrophe“, sondern im Gegenteil ein regelrechtes „Job-Fest“ (Jobapalooza) .
Begründung: Sinkende Softwareentwicklungskosten bedeuten nicht weniger, sondern mehr Projekte – und somit auch mehr neue Anforderungen und Jobs.

Ungeachtet dessen sind 350 GitLab-Mitarbeiter jetzt ihren Job los.
Ein Unternehmen, das auf Entwickler aufgebaut wurde, entlässt nun Entwickler – egal ob „proaktive Transformation“ oder „KI-Washing“: Für die Betroffenen macht das keinen Unterschied.
Und die Geschichte von GitLab ist wohl nicht nur die Geschichte von GitLab.
Wenn ein Unternehmen, das von der Arbeit der Entwickler lebt, beginnt, diese durch KI-Agenten zu ersetzen, spiegelt das unweigerlich einen Wandel in der gesamten Branche.
Bill prägte einen Satz, der vielfach geteilt wurde:
Software wird von Maschinen gebaut, Menschen geben die Richtung vor.
Bleibt nur die Frage, wie viele Menschen bleiben werden…
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