Das Spiel ist noch nicht entschieden, setze jetzt noch nicht zu viel.
In den vergangenen drei Monaten schwankte der Markt immer wieder zwischen den Erwartungen an eine Zinssenkung, Abwarten oder Zinserhöhung der US-Notenbank. Die Händler gleichen Kartenspielern mit offenen Positionen, die nervös am Tisch auf ihren Einsatz warten.
Die Zinserwartung für dieses Jahr hat sich vom 28. Februar mit einer erwarteten Senkung um 50 Basispunkte auf eine derzeitige Wahrscheinlichkeit von 66 % für eine Erhöhung um 25 Basispunkte verschoben.
Betrachten wir das Spiel aus der Sicht der Trader.
The Flop:
Der aktuelle Flop auf dem Tisch ist offengelegt: 1. Hohe Energiepreise; 2. Stabiles Wirtschaftswachstum; 3. Ein sehr widerstandsfähiger Arbeitsmarkt. Diese drei offenen Karten lassen keinen Raum für eine sofortige Zinssenkung, vielmehr mehren sich die Stimmen für ein Zinserhöhungsszenario.
Hinter dem Wirtschaftswachstum steckt ein robustes „Jokerblatt“: die KI-Investitionsausgaben.
In den letzten drei Jahren haben die vier großen Tech-Giganten jährlich 200 Milliarden US-Dollar investiert und damit eine Beschäftigungskette geschaffen, die unabhängig von Konsum und Immobilienmarkt funktioniert. Rechenzentren, Energieinfrastruktur – diese Branche ist nicht von Hypothekenzinsen oder Konsumlaune abhängig. Solange die Tech-Giganten ihre Ausgaben nicht kürzen, bleibt die US-Wirtschaft gestützt, es entstehen keine echten Risse am Arbeitsmarkt – damit entfällt auch der Hauptgrund für Zinssenkungen.
THE TURN:
Entscheidend für Sieg oder Niederlage ist nicht der Flop, sondern der Turn. Wichtiger ist jedoch: Nicht nur die Händler warten auf den Turn, sondern auch die US-Notenbank.
Der aktuelle Turn ist eine Folge von Signalen, die nacheinander ausgelöst werden. Für diejenigen, die auf Zinssenkungen setzen, müssen alle Bedingungen erfüllt sein:
Erstens: Der Kern-PCE liegt drei Monate in Folge unter 0,2 % gegenüber dem Vormonat, die Inflation kühlt sich nachhaltig ab und nähert sich dem Zielwert von 2 % – das ist die wichtigste Voraussetzung für Zinssenkungen. Zweitens: Es gibt Probleme am Arbeitsmarkt, z.B. eine deutliche Verlangsamung des Beschäftigungswachstums außerhalb der Landwirtschaft oder eine Arbeitslosenquote von über 4,4 %. Mehrere Daten deuten dann gemeinsam auf Entspannung am Arbeitsmarkt hin. Drittens: Die Tech-Giganten kürzen ihre Investitionsausgaben, das Wachstum der KI-Branche verlangsamt sich, und die Zahl der entsprechenden neuen Stellen sinkt – damit zeichnet sich eine Abschwächung der Realwirtschaftsnachfrage ab. Viertens: Die durch geopolitische Konflikte zwischen den USA und dem Iran verursachten Energiepreisaufschläge verschwinden vollständig, Brent-Öl fällt unter 75 US-Dollar und das Inflationsrisiko wird weiter gedämpft. Fünftens: Die Kreditspreads weiten sich deutlich aus, das Risiko auf den Kreditmärkten steigt, die Finanzmärkte senden eine Warnung vor einem Konjunkturabschwung und schließen damit den Kreis für die Logik einer Zinssenkung.
Auf diesen Turn warten sowohl die Trader als auch die US-Notenbank.
Für Trader bedeutet das: Der Flop ist der Status quo und sorgt für Volatilität; der Turn ist das Signal, das versucht, die Richtung vorzugeben; und der River ist die endgültige Entscheidung der US-Notenbank.
The River:
Solange die US-Notenbank ihre Karten nicht aufdeckt, bleibt das Spiel offen.
Auch die Federal Reserve hat keinen Blick aus der Vogelperspektive und ist an die Daten gebunden. Sie muss gleichzeitig die Preisstabilität und die Vollbeschäftigung sichern. Aktuell gilt: Wenn der Inflationsschock durch Energiepreise nachlässt, PCE-Kerinflation und Beschäftigungsdaten relativ stabil bleiben, die US-Staatsanleiherenditen sich stabilisieren oder langsam fallen, hat die Notenbank ausreichend Gründe, Zinserhöhungen zu pausieren. Doch die Hürde für Zinssenkungen ist sehr hoch. Neben sinkender Inflation braucht es klare Schwächen am Arbeitsmarkt. Solange dieser robust bleibt, kann die Notenbank weiterhin lange Zeit auf hohem Zinsniveau verharren – wie bereits 1995 und 2019, als die Pause sieben bis acht Monate dauerte.
Der Markt richtet seine Aufmerksamkeit jederzeit auf wichtige Daten wie PCE und Arbeitslosenquote
Eine weitere Unsicherheit: Der neu ernannte FED-Vorsitzende neigt dazu, die Kommunikation mit dem Markt zu reduzieren. Das bedeutet, dass vor den Entscheidungen der Notenbank deutlich weniger vorab orientierende Informationen erhältlich sind, was die Marktschwankungen weiter verstärkt.
Der Markt wartet weiterhin auf den Turn. Erst wenn dieser kommt, wird die Federal Reserve ihre "River Card" auf den Tisch legen. Bis dahin verbrennen alle ungeduldigen Einbahnwetten nur eigene Ressourcen in der Volatilität.
Haftungsausschluss: Der Inhalt dieses Artikels gibt ausschließlich die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht die Plattform in irgendeiner Form. Dieser Artikel ist nicht dazu gedacht, als Referenz für Investitionsentscheidungen zu dienen.
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