EZB-Ratsmitglied Nagel: KI wird zum „Lackmustest“ für Europas Zukunft
Nagel erklärte in Berlin, dass künstliche Intelligenz (AI) zum Prüfstein dafür wird, ob Europa geeint bleibt und sein Potenzial voll ausschöpfen kann.
Wie die App von Zhihui Finance berichtet, erklärte Joachim Nagel, Mitglied des EZB-Rats und Präsident der Deutschen Bundesbank, am Mittwoch in Berlin, dass Künstliche Intelligenz (AI) zum Prüfstein werden wird, ob Europa geeint bleibt und sein volles Potenzial entfaltet. Er betonte, die Welt erlebe derzeit tiefgreifende Veränderungen in Geopolitik und Technologie, Europa müsse zusammenstehen und dabei sowohl Wettbewerbsfähigkeit als auch Souveränität im Blick behalten.
„AI könnte zum Prüfstein werden“, sagte er beim Abendessen des Externen Rates der EZB in Berlin, „AI hat transformative Kraft und wird Europa nachhaltig beeinflussen – insbesondere in wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Hinsicht.“
Bisher hat die Wirtschaft der Eurozone mit 21 Mitgliedstaaten angesichts von Schocks wie dem Iran-Krieg eine unerwartete Widerstandsfähigkeit gezeigt und dürfte weiter an Fahrt gewinnen. Dennoch halten es die Verantwortlichen der EZB für dringend erforderlich, die wirtschaftliche Basis der Eurozone zu stärken. Derzeit sind die politischen Entscheidungsträger besonders besorgt über geringe Produktivität und schwache potenzielle Wachstumsraten und rufen daher zu weiteren Integrationsschritten in Europa auf.
Zugleich warnen EZB-Vertreter, dass Europa im globalen Umbruch durch AI keinesfalls zurückfallen darf. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte bereits Anfang des Jahres erklärt, Europa habe noch immer die Chance, vom AI-Boom zu profitieren, denn der größte wirtschaftliche Nutzen entstünde vermutlich nicht durch die Produktion dieser Technologien, sondern durch deren breite Anwendung in verschiedenen Wirtschaftsbereichen.
Nagel versuchte in seiner Rede am Mittwoch ebenfalls Zuversicht auszustrahlen. Er betonte, dass Europas Ausgangslage im Bereich AI „besser ist, als viele glauben“. Als Stärken nannte er: Europäische Hochschulen von Weltrang, die viele AI-Talente hervorbringen; relevante Branchen, die über einen „ungemein wertvollen Datenbestand für die AI-Entwicklung“ verfügen; darüber hinaus kann die große private Sparsumme in Europa die Finanzierung von Innovationen und Infrastruktur im AI-Bereich unterstützen.
Gleichzeitig warnte Nagel jedoch ausdrücklich: Damit Europa im AI-Bereich tatsächlich eine weltweit führende Rolle einnehmen kann, „muss jetzt entschlossen gehandelt werden“. Es sei erforderlich, das Angebot an Risikokapital zu erhöhen, eine ausreichende Rechenleistungskapazität aufzubauen und einen wirklich integrierten Markt zu schaffen, damit innovative Unternehmen rasch skalieren können.
„In einem Bereich, in dem Größe über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, reichen nationale Maßnahmen allein womöglich nicht aus“, betonte Nagel. „Gerade in solchen Fällen entspricht ein gemeinsames europäisches Vorgehen am besten den Interessen aller Länder.“
Auch Lagarde sprach bei der Veranstaltung und bekräftigte, dass Europa den globalen Gegenwind nur durch Zusammenarbeit bewältigen könne und betonte: „Wir können uns nur auf uns selbst verlassen.“ Sie sagte: „Sollte unser Vorteil zum Beispiel im Binnenmarkt durch Schwächen in anderen Bereichen – wie Verteidigung oder einen fragmentierten und teuren Energiemarkt – beeinträchtigt werden, sind wir leicht angreifbar. Wenn wir jedoch in relevanten Bereichen gemeinsam handeln, können wir unser Gewicht zur Geltung bringen und den externen Druck mindern. So gewinnen wir mehr Souveränität und können schneller wachsen.“
Bemerkenswert ist, dass angesichts der Tatsache, dass der Brent-Öl-Future-Preis bereits die Marke von 101 US-Dollar pro Barrel überschritten hat, die Märkte allgemein erwarten, dass die EZB auf ihrer Sitzung am Donnerstag die Zinsen um 25 Basispunkte anheben wird. Händler setzen zunehmend auf Zinserhöhungen der EZB, da steigende Energiepreise eine anhaltend hohe Inflation im kommenden Jahr wahrscheinlich machen. Laut dem aktuellen Swap-Markt erwarten die Händler, dass die EZB bis Dezember 2027 die Zinsen um rund 90 Basispunkte anhebt – so viel wie noch nie in diesem Straffungszyklus. Das bedeutet, dass die Entscheidungsträger in dieser Zeit voraussichtlich drei Zinsschritte von jeweils 25 Basispunkten vollziehen und eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen vierten Zinsschritt besteht.
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