KI-Handel steigt nicht mehr im Gleichschritt: Optische Netzwerke und Rechenzentren führen, Speicher und Stromthemen hinken hinterher
Goldman Sachs Derivatehändler warnen, dass die Zeit synchroner Kursbewegungen im KI-Sektor möglicherweise vorbei ist und der Markt in eine selektivere Phase der Themenrotation eintritt; gleichzeitig hat die Erwartungshaltung gegenüber der Federal Reserve von "Furcht" zu "Selbstzufriedenheit" gewechselt, wodurch das Risiko-Rendite-Profil der großen Marktindizes abflacht.
Shawn Tuteja, Leiter für Volatilitätshandel von ETFs und maßgeschneiderten Baskets bei Goldman Sachs, betonte im neuesten Marktbericht, dass die hohe Korrelation von KI-Trades derzeit aufbricht. Während der Rally von April bis Juni und dem Ausverkauf im Juli bewegten sich die einzelnen KI-Themen fast synchron, aber in den letzten zwei Wochen kam es zu deutlicher Divergenz – optische Netzwerke, Rechenzentren und Neocloud-Anbieter führen die Erholung an, während Memory und KI-Strom-Themen deutlich zurückbleiben.
Tuteja warnt zudem, dass die Marktstimmung gegenüber der Federal Reserve von der "Angst vor Zinserhöhungen" im Juli auf eine nahezu optimistische "Alles wird gut"-Erwartung umgeschwenkt ist, wodurch frühere asymmetrische Chancen abgeschwächt werden. Er hält am S&P 500 Jahresendziel von 8000 Punkten fest, erwartet aber, dass der Index in den nächsten anderthalb Monaten in einer engen Spanne schwankt und das Risiko-Rendite-Verhältnis weniger attraktiv wird. Vor diesem Hintergrund empfiehlt er, im KI-Sektor selektiv vorzugehen, statt auf breite High-Beta-Positionen zu setzen.
Starke Berichtssaison konnte Aktienkurse nicht anheben – Markt bewegt sich seitwärts
Die aktuelle Berichtssaison ist laut den Daten außergewöhnlich stark. Tuteja verweist darauf, dass 90% der S&P-500-Unternehmen die Quartalszahlen vorgelegt haben und 64% davon den Marktkonsens für den Gewinn pro Aktie um mindestens eine Standardabweichung übertroffen haben – einer der höchsten Werte der Geschichte und Basis für eine 2%ige Anhebung der Gewinnprognosen für 2027.
Allerdings zeigen sich die Kursreaktionen auf diese positiven Ergebnisse ungewöhnlich schwach. Aktien, die den Konsens um mehr als eine Standardabweichung schlagen, verzeichnen am nächsten Tag lediglich einen Medianüberschuss von 33 Basispunkten gegenüber dem S&P 500 – deutlich unter dem Medianwert von 95 Basispunkten seit 2010. Besonders schwach ist die Technologiebilanz: Über den Erwartungen liegende Tech-Aktien laufen am Folgetag im Schnitt sogar 99 Basispunkte hinter dem S&P 500 zurück.
Tuteja führt dieses Phänomen auf eine strukturelle Veränderung der Marktstimmung zurück. Im Juli reduzierten Kunden ihr Risiko-Exposure deutlich, globale Long/Short-Fundamentalfonds verzeichneten das zweitstärkste Monatsminus der vergangenen vier Jahre. Aktuell befinden sich die Netto-Positionen der Kunden auf dem 67. Perzentil im 5-Jahresvergleich, die Gesamtpositionen sogar auf dem 89. Perzentil – der Markt ist nicht mehr unterinvestiert.
Am vergangenen Dienstag wurden 4 Millionen S&P-500-Call-Optionen gehandelt – ein neuer Rekordwert. Die kurzfristige Put-/Call-Skew sank in zwei Tagen fast so stark wie nie seit zehn Jahren – alles Zeichen für eine rasche Aufhellung der Stimmung.
Stimmung gegenüber Fed-Zinserhöhungen wechselt von „Furcht“ zu „Selbstzufriedenheit“, Hedging wird wertvoller
Tuteja sieht eine optimistische "Alles-ist-gut"-Logik bei der Preisbildung der September-Fed-Sitzung: Entweder stabilisiert die Federal Reserve mit einer "dovishen" Zinserhöhung die lange Zinskurve, oder sie bleibt passiv und ermöglicht eine weiterlaufende Rotation mit starken Gewinnen. Beide Szenarien implizieren einen deutlichen Rückgang der Ölpreise.
Vor Veröffentlichung der CPI-Daten lagen die Konsenserwartungen der Buy-Side hinsichtlich Kerninflation bei etwa 21 bis 22 Basispunkten, die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September bei rund 50/50. Der Kapitalfluss zeigt, dass die Positionierung klar auf eine dovishe Entscheidung statt auf eine hawkishe Überraschung setzt.
Tuteja betont, dass dieser Stimmungswandel von "Furcht" zu "Selbstzufriedenheit" die Ursache für das abgeflachte Risiko-Rendite-Profil der Indizes ist.
Er empfiehlt, bei einer Erholung nach den CPI-Daten, S&P-500-Put-Spread-Optionen auf den SPXXAI (ohne KI-Aktien) zu kaufen, um Unsicherheiten vor der September-Fed-Sitzung abzusichern. Die vorgeschlagene Struktur: SPXXAI September-Verfall, 90/97%-Put-Spread, Kosten etwa 0,93%, Laufzeit 19 Tage.
Interne KI-Divergenz: Fundamentale Differenzen bestimmen die Preisbildung
Tuteja sieht die Divergenz im KI-Sektor als Ergebnis einer Kombination aus fundamentalen und technischen Faktoren.
Auf fundamentaler Ebene verweist Goldman Sachs Technologieanalyst Peter Callahan darauf, dass der Ausverkauf im Juli technisch bedingt war, aber der Aufstieg von Open-Source-Modellen und Diskussionen über Engpässe bei KI-Investitionen zum Wandel im Narrativ führten. Mit der Klarheit bezüglich der Investitionsplanung bis 2027 nach den Quartalszahlen richtet sich der Blick der Anleger stärker auf die Gewinnpersistenz der einzelnen Themenbereiche.
Callahan benennt zwei neue Diskussionsschwerpunkte:
Erstens steigt das Interesse am Konzept der „Inference Economy“ im Software-Bereich, wobei SNOW, DDOG, PLTR, CRWD, PANW, OKTA, TWLO als KI-Anwendungsaktien profitieren, die nicht sensibel auf Modell- oder Rechenengpässe reagieren.
Zweitens verändert sich die Investmentlogik im Memory-Bereich (DRAM, NAND, HDD): Sie schwenkt von einer Bewertung nach Durchschnittspreisen und Margen auf Stabilität, langfristige Verträge und Kapitalrendite – die Meinungen dazu gehen zunehmend auseinander.
Darüber hinaus steht das Strom-Thema unter zusätzlichem Druck durch politische Unsicherheiten vor den Midterms und regulatorische Fragen bei ERCOT.
Leverage-ETF-Rückgaben und hohe implizite Volatilität bremsen KI-Rally
Technisch gesehen zitiert Tuteja den Umstand, dass die verwalteten Vermögen der US-Semiconductor-Leverage-ETFs derzeit bei etwa 99 Milliarden Dollar liegen – deutlich weniger als die 157 Milliarden Dollar auf dem Höhepunkt.
Bemerkenswert ist: Während des Juli-Ausverkaufs wurden rund 15 Milliarden Dollar "übermäßig" gekauft – das heißt, im Verhältnis zum Spot-Rückgang kauften Anleger zusätzlich Leverage-ETFs. Im August ist das einzige Wachstum des AUM durch Kursanstiege im Spot bedingt; tatsächlich verkaufen Anleger nun bei der Erholung ETFs und reduzieren ihr Exposure.
Der Markt für implizite Volatilität zeigt, dass Kunden beim Wiedereinstieg in diese Aktien zögerlich sind – möglicherweise weil die Portfolio-Struktur gesünder ist und die übermäßige Call-Positionierung in Leverage-ETFs zurückging.
Seit dem 29. Juli ist die gewichtete durchschnittliche implizite Volatilität des Goldman Sachs KI-Leader-Baskets (GSTMTAIP) um über 10 Volatilitätspunkte und insgesamt um 14,3% gesunken; zum Vergleich: die implizite Volatilität von SPXXAI sank nur um 3 Punkte bzw. 11,8%.
Dennoch bleibt die Volatilitätsprämie der KI-Themen gegenüber dem breiten Markt seit Anfang 2023 (abgesehen von den letzten zwei Monaten) auf dem höchsten Niveau, was die Kosten für Options-Longs oder Upside-Hedging weiterhin hoch hält – eine Hürde für den Wiedereinstieg der Kunden.

Tuteja empfiehlt angesichts der aktuellen impliziten Volatilität eher den Kauf von Aktien und das Aufsetzen eines Call-Ratio-Overlay oder die Finanzierung von Call-Spreads durch Verkauf von Put-Optionen – statt einer breiten High-Beta-Aufstockung.
Sein Vorschlag: Verkauf von GSTMTMEM-Put-Optionen mit 85% Strike, Verfall 31. Dezember, kombiniert mit 115/150% Call-Spread, Netto-Kosten etwa 1,45%, Laufzeit 50 Tage.
Bullenmarkt-Logik bleibt, doch die Hochgeschwindigkeits-Rally dürfte vorbei sein
Tutejas Kernbotschaft ist kein Pessimismus, sondern ein Appell zur Reduktion der Erwartungen.
Er hält am S&P-500-Jahresziel von 8000 Punkten fest, sieht aber das schnelle High-Beta-KI-Handelsumfeld als weitgehend beendet. Optische Netzwerke, Rechenzentren und Neocloud-Anbieter bleiben attraktiv, doch Memory- und Strom-Themen stoßen auf mehr fundamentale Zweifel und bedürfen einer sorgfältigeren Selektion.
Auf Makro-Ebene hat die Rotation von "Fed-Furcht" zu "Fed-Selbstzufriedenheit" die früheren asymmetrischen Chancen stark reduziert. Investoren müssen ihre KI-Exposures künftig in einer feineren Themenauswahl und mit einem vernünftigeren Risikomanagement neu ausrichten.
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