Der Ölpreis kehrt auf 85 Dollar zurück, die Wetten auf weitere Zinserhöhungen der EZB nehmen zu
Die Lage in der Straße von Hormus hat sich erneut verschärft, die internationalen Ölpreise haben sich schnell erholt, und der ursprünglich klar erscheinende politische Kurs der Europäischen Zentralbank ist wieder in Unsicherheit geraten.
Am 15. Juli berichtete CNBC, dass Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank und Mitglied des EZB-Rats, erklärte:Die Eskalation des Nahost-Konflikts und der Anstieg der Ölpreise führen zu einer "extrem hohen Unsicherheit" hinsichtlich der wirtschaftlichen Aussichten, die Europäische Zentralbank werde wachsam bleiben und bei Bedarf handeln. Diese Stellungnahme verstärkt die Markt-Erwartungen, dass die EZB ihre Politik weiter straffen könnte.
Derzeit geht der Markt weiterhin davon aus, dass die EZB auf ihrer Sitzung am 22. Juli die Zinsen unverändert lassen wird, aber Zinsswaps zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte bei dieser Sitzung bereits auf etwa 20% gestiegen ist. Anleger setzen weiterhin darauf, dass bis zum Frühjahr nächsten Jahres insgesamt 50 Basispunkte angehoben werden und der Einlagenzins dann auf 2,75% steigt.
Die Ölpreiserholung stört den Rückgang der Inflation
Mit der fortgesetzten Eskalation der militärischen Konflikte zwischen den USA und Iran im Zusammenhang mit der Straße von Hormus haben sich die globalen Ölpreise stark erholt.
Brent-Rohöl notiert wieder über 85 US-Dollar pro Barrel, während es vor einer Woche noch bei etwa 70 US-Dollar lag. Für den stark importabhängigen Euroraum bedeutet dies, dass der Prozess der sinkenden Inflation erneut gestört werden könnte. Daten zeigen,etwa 57% des Energieverbrauchs im Euroraum im Jahr 2024 sind importabhängig, und Ölpreisschwankungen haben daher einen besonders deutlichen Einfluss auf die Gesamtpreise.
Tatsächlich war die Inflation im Euroraum vor Ausbruch des Nahost-Konflikts bereits fast auf das EZB-Ziel von 2% zurückgegangen. Doch die Energiepreise stiegen danach rapide an und trieben die Gesamtinflation vorübergehend auf 3,2%. Die neuesten Daten zeigen: Trotz eines Energiepreisanstiegs von 8,7% gegenüber dem Vorjahr fiel die Gesamtinflation im Euroraum im Juni wieder auf 2,8%, die Kerninflation blieb bei 2,4%, was darauf hindeutet, dass die Energieschocks sich noch nicht vollständig auf andere Bereiche übertragen haben.
Mit dem erneuten Anstieg der Ölpreise in dieser Woche beginnt der Markt jedoch zu befürchten, ob der Trend eines Inflationsrückgangs weiter Bestand haben wird, und die frühere Einschätzung der EZB bezüglich der Inflation steht erneut auf dem Prüfstand.

Die geldpolitische Sitzung steht vor einem “Datenvakuum”
Im Vergleich zu sonst steht die Sitzung am 22. Juli dieses Mal vor einer besonderen Herausforderung.
Die ersten Schätzungen des BIP im Euroraum für das zweite Quartal sowie die vorläufigen Inflationsdaten für Juli werden erst am 30. bzw. 31. Juli veröffentlicht, was bedeutet, dass die EZB ihre Zinsentscheidung ohne aktuelle Wirtschafts- und Inflationszahlen treffen muss.
Die ING-Zinsstrategen Michiel Tukker und Benjamin Schroeder betonten im neuesten Bericht, die bevorstehenden Inflationsdaten des Euroraums würden zum "entscheidenden Prüfstein für das marktseitig eingepreiste hawkishe Szenario", aber selbst moderate Werte könnten die Sorgen des Marktes über eine zweite Inflationswelle durch Energiepreise nicht ausräumen.
Die beiden Analysten gehen davon aus,dass die geldpolitischen Wege der EZB und der Federal Reserve weiter auseinandergehen könnten: Während in den USA der Inflationsdruck wahrscheinlich weiter nachlässt, ist der Höhepunkt der Inflation in Europa möglicherweise noch nicht erreicht – insbesondere angesichts der weiter steigenden Energiepreise.
EZB steht vor dem Zwiespalt zwischen Inflation und Rezession
Die größte Herausforderung der EZB besteht derzeit darin, zwischen der Eindämmung der Inflation und der Vermeidung einer Rezession eine Balance zu finden.
Im ersten Halbjahr senkte die EZB vier Mal in Folge die Zinsen und reduzierte den Einlagenzins von 3% auf 2%; angesichts des erneut gestiegenen Inflationsdrucks durch Energiepreise hat die Zentralbank im Juni überraschend den Zins um 25 Basispunkte auf 2,25% erhöht – ein deutlicher Richtungswechsel in der Geldpolitik.
Unterdessen bleibt die Wirtschaft im Euroraum schwach. Das BIP sank im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 0,2%, und viele politische Entscheider befürchten, dass eine weitere Straffung der Geldpolitik die Wirtschaft noch stärker belasten und den Euroraum in eine Rezession führen könnte.
Martin Kocher, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, sagte am Mittwoch:Die EZB konzentriert sich derzeit besonders auf die indirekten Preiswirkungen des Nahost-Konflikts und potenzielle Zweitrundeneffekte. Er betonte: "Momentan sind noch keine ausgeprägten Zweitrundeneffekte zu beobachten, aber die Geldpolitik muss dafür sorgen, dass die Inflationserwartungen stabil bleiben."
Noch vor wenigen Wochen schloss der Markt angesichts fallender Ölpreise eine Zinserhöhung der EZB im Juli nahezu vollständig aus. Nun führen geopolitische Risiken zu erneut steigenden Energiepreisen, und die geldpolitische Sitzung in der nächsten Woche bleibt spannend.
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