Morgan Stanley Wilson: Der starke Rückgang bei Halbleitern bedeutet nicht das Ende des Bullenmarktes, die Korrektur ist eine „notwendige Abkühlung“
Mike Wilson, Chefaktienstratege bei Morgan Stanley, ist der Ansicht, dass die jüngste starke Korrektur bei Technologiewerten lediglich eine notwendige "gesunde Neubewertung" innerhalb des Bullenmarktes darstellt und die fundamentale Erzählung nicht beeinträchtigt wurde.
Der Nasdaq Composite Index fiel am vergangenen Freitag um 4,2 % und verzeichnete damit den größten Punkteverlust an einem einzelnen Tag in seiner Geschichte. Die Schockwellen übertrugen sich rasch auf die globalen Märkte – der technologieorientierte südkoreanische Kospi-Index stürzte am Montag daraufhin um 8,1 % ab.

Wilson wies in einem am Montag veröffentlichten Bericht darauf hin, dass die Ursache dieses Ausverkaufs in der übermäßigen Überfüllung der Positionen bei Halbleiter- und Speicherchipaktien liegt und nicht in einer Verschlechterung der Fundamentaldaten. Starke Unternehmensgewinne und robuste Wirtschaftsdaten bieten dem Aktienmarkt weiterhin Unterstützung.
Wilson hält weiterhin an seinem Kursziel von 8.000 Punkten für den S&P 500 zum Jahresende fest und erklärt, dass diese Korrektur "unvermeidlich und letztlich von Vorteil" sei, wenn der Bullenmarkt bis zum Jahresende andauern soll. Er weist jedoch auch darauf hin, dass Anleger genau beobachten sollten, ob die Rendite für 10-jährige US-Staatsanleihen die Marke von 4,5 % überschreitet und auf potenzielle Risiken einer geringeren Marktliquidität achten müssen.
Starke Überkauftheit bei Halbleitern, überfüllte Positionen führen zum Absturz
Wilson analysierte die jüngste Verkaufswelle detailliert in seinem Bericht. Er betonte, dass der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) am vergangenen Freitag um 10 % einbrach – der größte Rückgang an einem Tag seit 2020 –, aber "der Ausgangspunkt ist entscheidend".
Daten zeigen, dass dieser Index bis zur Wochenmitte bereits um 96 % im bisherigen Jahresverlauf gestiegen war und rund 35 % über seinem 50-Tage-Durchschnitt notierte – die größte Abweichung in den letzten 25 Jahren. Der 9-Tage-Relative-Stärke-Index (RSI) erreichte sogar 83, was deutlich macht, wie stark die Rally bereits überzogen war.
Da der Halbleitersektor stark mit Momentum-Trading überlappt, verzeichnete der Long-Momentum-Faktor im gleichen Zeitraum ebenfalls den höchsten Tagesrückgang seit 2020 und fiel um 8 %. Wilson erklärt: "Diese Dynamik muss nicht unbedingt das Ende des Bullenmarktes in den betroffenen Sektoren bedeuten, aber typischerweise gibt es in diesen Bereichen auch keinen sofortigen Rebound."
Fundamentale Lage intakt, Gewinnkorrekturen auf Zyklushoch
Trotz der heftigen Marktschwankungen betont Wilson, dass die grundlegenden Argumente für den Aktienmarkt weiterhin Bestand haben.
Auf der Makroseite ist der aktuelle ISM-Einkaufsmanagerindex für die Industrie auf 54 gestiegen – das höchste Niveau seit 2022. Die neuesten Beschäftigungsdaten außerhalb der Landwirtschaft zeigen, dass in den letzten drei Monaten durchschnittlich 166.000 neue Jobs entstanden sind, das höchste Niveau seit 2023.
Im Bereich der Unternehmensgewinne sagt Wilson: "Kern unserer Ansicht ist, dass die Gewinne weiterhin stark sind – umfassender und nachhaltiger als von den meisten erwartet." Er verweist darauf, dass die Gewinnkorrekturbreite des S&P 500 derzeit bei 26 % liegt – ein neuer Höchststand in diesem Zyklus.
Positionsausgleich: Fokus auf Konsum, Banken und Transport
Wilson sieht in der Korrektur eine Chance für Anleger, ihr Portfolio neu auszurichten. Er empfiehlt, Kapital aus immer noch überfüllten Momentum-Trades abzuziehen und sich eher auf zyklische Konsumgüter, Regionalbanken sowie den Transportsektor zu konzentrieren.
Innerhalb des Technologiesektors stellt er fest, dass die Gewinnkorrekturen bei Halbleitern und speicherbezogenen Hardware-Aktien deutlich höher ausfallen als bei anderen Subsektoren, aber dieser Vorteil sei bereits ausreichend im Markt eingepreist. Ob der Softwarebereich wieder zum führenden Segment im Techsektor oder gar am Gesamtmarkt werden könnte, sieht Wilson skeptisch, merkt aber an, dass er seine Sicht auf das Segment überdenken werde, sollte es hier zuletzt zu einer relativen Outperformance kommen – schließlich hätten sich auch die Gewinnkorrekturen im Softwarebereich zuletzt verbessert.
Liquidität und Zinsen als Schlüsselfaktoren
Wilson weist zugleich auf zwei potenzielle Risiken hin: Erstens Zinsrisiken: Sollte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen klar die Marke von 4,5 % überschreiten, könnte das die Bewertungsmultiplikatoren an den Aktienmärkten belasten. Nach aktuellen Daten liegt die Rendite bei 4,575 %, etwa 12 Basispunkte höher als vor fünf Tagen.
Zweitens Liquiditätsrisiken. Wilson sagt: "Unserer Einschätzung nach beginnt die von Federal Reserve und Finanzministerium getriebene Liquidität nach einer raschen Expansion im ersten Quartal inzwischen zu schrumpfen – ein Trend, der sich in der schwachen Entwicklung von Edelmetallen und Kryptowährungen in den vergangenen Monaten schon angedeutet hat und sich durch den Rückgang am vergangenen Freitag erneut bestätigt hat."
Bullenmarkt-Framework unverändert, Jahresziel 8.000 Punkte bleibt
Zusammengefasst kommt Wilson zu dem Schluss, dass die Rally seit dem Märztief nicht geradlinig fortschreiten könne. Eine Korrektur sei erwartet worden und komme der nachhaltigen Entwicklung des Bullenmarkts letztlich zugute.
"Unserer Ansicht nach ist eine Korrektur unvermeidlich – und am Ende vorteilhaft –, wenn der aktuelle Bullenmarkt bis zum Jahresende anhalten soll", schreibt er, "dies bleibt unser Basisszenario, das Kursziel für den S&P 500 Ende des Jahres liegt weiter bei 8.000 Punkten."
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